„The Sound Next Silence“ ist ein Ausdruck, der mit ECM Records in Verbindung gebracht wird, einem Label, das für seinen hohen Qualitätsanspruch und innovative musikalische Ausdrucksformen bekannt ist.
ECM wurde 1969 von Manfred Eicher gegründet und steht für Edition of Contemporary Music. Der Name ist auch heute mit Veröffentlichung dieser Aufnahme als CD ein Synonym für einen unverwechselbaren Stil, der Jazz mit Elementen aus Klassik und verschiedenen Weltmusikgenres verbindet. Und dies war wahrscheinlich die erste Aufnahme, welche die Klangfülle, für die ECM bekannt wurde, vollends entfaltet. Obwohl mir die immense musikalische Aufbruchstimmung der 1970er-Jahre durchaus bewusst ist, war ein Album wie dieses für junge Musikentdecker jener Zeit ganz zweifellos ein erfrischendes und großartiges Erlebnis. Mit Musikern, die später die Bedeutung von ECM maßgeblich prägen sollten, ist „Solstice“ ein Meisterwerk an Musikalität, Komposition, Arrangement und Aufnahmetechnik.
Wie kaum ein anderer verkörpert Ralph Towner, eine harmonische Verschmelzung von Jazz, klassischer Musik und akustischer Folklore. Veröffentlicht in 1975, ist es ein Werk, das die kreativen Grenzen des Genres sprengt und sowohl technische Virtuosität als auch emotionale Tiefe bietet.
Ralph Towner, bekannt für seine Fähigkeiten an der Gitarre und dem Klavier, hat mit „Solstice“ ein Album geschaffen, das durch seine außergewöhnliche Komplexität besticht. Die Kompositionen sind oft mehrteilig und entfalten sich in einem dialogischen Format. Towner kombiniert verschiedene musikalische Elemente, indem er akustische Gitarren, das Piano und zusätzliches Instrumentarium zusammenbringt. Die künstlerische Herangehensweise Towners zeigt sich in Stücken wie dem Titeltrack „Solstice“, wo subtile Melodien und harmonische Strukturen ineinander übergehen und den Hörer auf eine Reise mitnehmen.
Die Verwendung von Modalität statt traditioneller Tonarten verleiht den Stücken eine mystische, fast meditative Qualität. Towner nutzt diese Technik, um emotionale Nuancen und atmosphärische Vielfalt zu schaffen. Die dynamische Balance zwischen den Instrumenten ist beeindruckend; jeder Akzent und jedes Timing sind präzise gewählt, um der Musik einen organischen Fluss zu verleihen.
Die Kernthemen von „Solstice“ beschäftigen sich mit Veränderung, Licht und der Natur. Der Titel selbst verweist auf die Wendepunkte im Jahreszyklus, ein Symbol für Übergang und Transformation. Diese Themen werden sowohl in der Musik als auch in den Titeln der einzelnen Stücke reflektiert. Towner nimmt den Hörer mit in eine Klanglandschaft, die sowohl introspektiv als auch expansiv ist.
Die Titel wie „Forest“ und „Clouds“ laden dazu ein, sich mit der Natur zu verbinden und sie meditativ zu erleben. Towner gelingt es, Bilder hervorzurufen, die den Hörer emotional berühren und eine gewisse Sehnsucht erzeugen. Es ist eine Hommage an die Schönheit der Natur und eine Einladung, innezuhalten und die subtile Eleganz des Lebens zu schätzen.
Mit dem Hörer dieser Aufnahme auf CD erschliesst sich dem Hörer, dass „Solstice“ einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung des zeitgenössischen Jazz und der Akustikmusik genommen hat. Towner, der Teil des Ensembles Oregon war, hat mit diesem Album den kreativen Horizont der Musik erweitert. Junge Musiker und Komponisten erkannten in Towners Ansatz die Möglichkeit, Genregrenzen zu überschreiten und ihre eigenen künstlerischen Visionen zu entwickeln.
Das Album hat die Wertschätzung für akustische Instrumente im Jazzbereich neu belebt. Die klare und präzise Aufnahmequalität von „Solstice“ zeigt die Schönheit der instrumentalen Darbietung und hat dazu beigetragen, die einfache Akustik als gleichwertig im Vergleich zu elektrischen Klängen zu etablieren.
Jeder Track sprüht vor Leben und zeugt von feinfühligem Einsatz verschiedenster Instrumentalkombinationen und Studio-Know-how. „Oceanus“ präsentiert Garbarek in Höchstform, mit ungezügelter emotionaler Wucht. Towners zwölfsaitige Gitarre entfaltet wie immer ein breites Klangspektrum. Christensens brillantes Schlagzeugspiel ergänzt Webers üppige Melodielinien, dessen Celloklänge fast bis ins Unendliche reichen, während sein Bass wie der kegelförmige Nachhall eines Wassertropfens emporsteigt. „Visitation“ hüllt diese Leidenschaft in eine nächtliche Vision voller lachender Geister. „Drifting Petals“ ist ein langsamer Prozess, ein zaghafter Blick auf eine staubige Ebene, wo die Verheißung der Freiheit größer erscheint als die Gefahr. Doch dann hallt der Rat eines Älteren in unseren Ohren und treibt uns voran. Wie von selbst bewegen sich unsere Füße und ziehen uns dem immer weiter verschwindenden Horizont entgegen, während die ersten Tropfen eines Gewitters über unsere Stirn streifen. Towner beweist einmal mehr, dass seine Klavierimprovisationen nicht zu unterschätzen sind, denn sie gehören zu den eindringlichsten Stücken des Albums. Ein transzendentes 12-saitiges Solo (mit sanfter, raumgreifender Unterstützung von Weber) eröffnet „Nimbus“ und entfaltet sich bald zu einem Klanggewitter aus Flöten, Schlagzeug und einem gestrichenen Bass, der mit der schrillen Leichtigkeit einer Sarangi erklingt. Garbareks Saxophon mischt sich ein und entfesselt sein harmonisches Feuer. Die gekonnt überlagerten Flöten kehren zurück, breiten kurz ihre Flügel aus, bevor sie in der Ferne verklingen…
„Winter Solstice“, „Piscean Dance“ und „Red and Black“ bilden ein Triptychon von Duetten: das erste für klassische Gitarre und Saxophon, das zweite ein mitreißendes Jam für 12-saitige Gitarre und Schlagzeug und das dritte für 12-saitige Gitarre und Bass. „Sand“ beschließt die geichsam kosmische Reise mit einer von Garbareks tiefgründigsten Meditationen für Saxophon, untermalt von den seltsam fesselnden Klängen von Christensens Flexaton im Hintergrund.
Melodisch kraftvoll und zugleich strukturell flexibel – dieses Album ist ein Schatz und ein Muss für jeden, der ECM wirklich kennenlernen möchte. Ein wahrhaft außergewöhnliches Zusammentreffen musikalischer Genies.
„Solstice“ von Ralph Towner ist weit mehr als nur ein Musikalbum; es ist ein künstlerisches Manifest, das den Hörer dazu einlädt, in eine tiefere Dimension der Musik einzutauchen. Die geschickte Kombination von Komposition, Instrumentation und emotionaler Tiefe schafft ein Werk, das auch Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung relevant bleibt. Towner hat mit „Solstice“ nicht nur einen Einfluss auf seine Generation ausgeübt, sondern auch auf alle nachfolgenden Musiker, die die Grenzen der Klangwelt erkunden wollen.
Das Album spiegelt nicht nur die persönliche Reise des Künstlers wider, sondern auch eine universelle Erfahrung von Licht, Schatten und der unaufhörlichen Suche nach Schönheit in der Musik und der Natur.
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Solstice – von Ralph Towner.
Ralph Towner: 12-saitige und klassische Gitarre, Klavier
Jan Garbarek: Tenor- und Sopransaxophon, Flöte
Eberhard Weber: Bass, Cello
Jon Christensen: Schlagzeug, Perkussion
Weiterführend→ Zuvor würdigte KUNO den kammermusikalischen Jazz der Band Oregon. Manchmal erhält der Radiohörer eine charmante Bestätigung, warum er Rundfunkgebühren bezahlt. Am 14. März 1974 wurde im Sendesaal des Studio F von Radio Bremen ein Konzert der Band Oregon aufgenommen. Die Aufnahme wurde im Archiv aufgefunden und ist nun in feinster Stereo-Qualität erhältlich.