GRUFT

 

Die in der großen Gruft des Todes ruhen,

Wie schlafen sie so stumm im hohlen Sarg.

Des Todes Auge schaut auf stumme Truhen

Aus schwarzem Marmorhaupte hohl und karg.

 

Sein dunkler Mantel starrt von Staub und Spinnen.

Vor alters schlossen sie der Toten Gruft.

Vergessen wohnen sie. Die Jahre rinnen

Ein unbewegter Strom in dumpfer Luft.

 

Nach Weihrauch duftet es und morschen Kränzen,

Von trocknen Salben ist die Luft beschwert.

Und in geborstnen Särgen schwimmt das Glänzen

Der Totenkleider, dran Verwesung zehrt.

 

Aus einer Fuge hängt die schmale Hand

Von einem Kind, wie Wachs so weiß und kalt,

Die, balsamiert, sich um das Sammetband

Der schon in Staub zerfallnen Blumen krallt.

 

Durch kleine Fenster hoch im Dunkel oben

Verirrt sich gelb des Winterabends Schein.

Sein schmales Band, mit blassem Staub verwoben,

Ruht auf der Sarkophage grauem Stein.

 

Der Wind zerschlägt ein Fenster. Aus den Händen

Nimmt er der Toten dürre Kränze fort

Und treibt sie vor sich hin an hohen Wänden,

In ewigen Schatten weit und dunklen Ort.

 

 

 

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Der ewige Tag, Gedichte von Georg Heym, Rowohlt Verlag 1911

Georg Heym hinterließ rund 500 Gedichte und lyrische Entwürfe; auch unter denen der Hauptschaffensphase, also ab Januar 1910, finden sich nicht nur die später als solche klassifizierten expressionistischen Topoi, sondern zum Beispiel auch Stücke pastoraler Leichtigkeit. Neben diesem umfangreichen lyrischen Werk hinterließ Georg Heym einige Prosastücke sowie wenige dramatische Arbeiten. Seine erster Gedichtband „Der ewige Tag“ erschien Mitte April 1911 beim Rowohlt Verlag. Die Veröffentlichung der Erscheinung zog sich allerdings dadurch hinaus, das Rowohlt Mühe hatte, Heyms handschriftlichen Notizen auf Grammatik und Rechtschreibung zu überarbeiten.

Weiterführend  Poesie zählt für KUNO weiterhin zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung.