Das Zusammenstellen einer Setlist für ein Festival

„Ich habe Freunde, die der Meinung sind, man sei kein ‚echter‘ Fan, wenn man eher eine ‚Best-of‘-Platte als die komplette Diskografie besitzt. Das sehe ich anders. Ich denke an die Plattensammlung meiner Eltern, als ich noch ein Kind war. Ich habe ihre Kompilations-LPs geliebt. Ich bin so dankbar, dass sie Alben wie *Changes* oder *Rolled Gold* hatten. Diese LPs waren mein Einstieg. Mein erster Kontakt mit der Musik.“

Alex Kapranos

Wo der alte Britpop der neunziger Jahre noch im betrunkenen Dunst von Londoner Pubs verharre, besetzt diese schottische Formation die Tankstellen der Gegenwart. Ihr Rhythmus ist der Takt des Vierviertelmotors. Sie spielen nicht für die Ewigkeit, sondern für den Moment des Zündens. Das Erbe von Post-Punk und New Wave wird hier nicht restauriert; es wird als Altöl in die Maschinen einer neuen, nervösen Generation gegossen. Wer diese Musik hört, verweilt nicht. Er beschleunigt.

Die Band stand kurz vor ihrem fünften Auftritt, war aber immer noch namenlos. In einer Diskussion über Erzherzöge, nannten sie sich „Franz Ferdinand“. Der Name der Band wird deutsch ausgesprochen.

An den Litfaßsäulen der späten Postmoderne kleben die Slogans. „Take Me Out“ steht dort in fetten, serifenlosen Buchstaben. Es ist kein Hilferuf, sondern ein Befehl zum Tanz. Die Ästhetik des Konstruktivismus – scharfe Kanten, diagonale Linien, die visuelle Wucht der russischen Avantgarde – wird zum Plattencover degradiert und dadurch gerettet. Was einst Revolution war, ist jetzt Style. Die Bandmitglieder tragen Anzüge wie Uniformen einer Armee, die nur im Scheinwerferlicht existiert.

Das Album Hits to the Head enthält die Singles der Band. Bei den auf der Zusammenstellung enthaltenen Versionen handelt es sich größtenteils um Single-Versionen und Edits – abgesehen von zwei exklusiven Edits („Walk Away“ und „The Fallen“).

Eine Kompilation ist das Schaufenster eines Warenhauses. Hier liegt die Ware ordentlich aufgereiht, befreit vom Schmutz des Entstehungsprozesses. Die Single-Versionen und Edits sind die für den schnellen Konsum zurechtgeschnittenen Stoffe. Nur „Glimpse of Love“ verbleibt in seiner ungekürzten Albumgestalt – ein sperriges Objekt im gläsernen Kasten. Eine Best-of-Platte ist die Rekonstruktion einer Biografie aus ihren glanzvollsten Momenten. Sie unterschlägt die produktiven Krisen, die B-Seiten, das Zögern. Sie zeigt das Kollektiv nur im Zustand des permanenten Triumphs.

Franz Ferdinand schreiben keine Symphonien, sie schreiben SMS. Kurz, rhythmisch, dringlich und unmissverständlich.

Jede Sammlung hat ein Geheimnis, das sie durch Abwesenheit definiert. Dass der Titel „Outsiders“ auf dieser Werkschau fehlt, ist kein Versehen, sondern eine dialektische Notwendigkeit. Der Außenseiter kann nicht Teil der Parade sein. Indem die Band diesen Song vom Altar des Massenmarktes fernhält, schützt sie ihn. Er bleibt der Rest Authentizität in einer Welt der radikalen Kürzungen und Radio-Edits. Das Fehlende ist hier das eigentlich Strukturierende.

Die Zusammenstellung von Singles ist kein bloßes Nebenprodukt; sie ist die eigentliche Arena, in der die Dialektik von Kunstwerk und Ware ausgetragen wird.

Wer den Sound von Franz Ferdinand seziert, findet die Trümmer der späten 1970er Jahre. Es ist die Archäologie des Post-Punk. Doch die Band betreibt keine Nostalgie. Sie nutzt die historischen Fragmente wie Spolien – alte Steine, die in ein neues Fundament eingebaut werden. Der Basslauf fungiert als tragende Säule, die abgehackte Gitarre als scharfkantiges Gesims. Der Hörer erlebt ein Déjà-vu, das keines ist. Es ist die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Glasgow im Jahr 2004 spricht mit der Stimme von Leeds im Jahr 1979.

 

 

***

Hits to the Head, von Franz Ferdinand, 2022

Weiterführend Brit-Pop ist eine Cover-Version des Rock’n‘Roll, der Style und die Haltung sind ebenso wichtig wie die Musik. Hören wir den Re:Mix Radiohead Re:written.

Eine Erinnerung an das Kronjuwel des Britpop, Different Class das fünfte Studioalbum von Pulp. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsmöglichkeiten von populärkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay Perlen des Trash stellt diese Reihe ausführlich vor. Luther Blissett beschreibt den Weg von Proust zu Pulp.