Der Engel der Geschichte

Es besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesnen Geschlechtern und unserem. Wir sind auf der Erde erwartet worden.

Walter Benjamin

rilke fragte: »Wer hat uns also umgedreht, daß wir, / was wir auch tun, in jener Haltung sind / von einem, welcher fortgeht?«, während peter sloterdijk nüchtern feststellt: »Im Grunde enthält die konventionell erzählte Geschichte von Orpheus und seiner Geliebten eine fatale Botschaft. Sie verrät, warum dem Dichter seine Trauer um Eurydike letztlich lieber ist als die reale Rückkehr der Geliebten. Der Künstler hängt an der melancholischen Position. Die müßte er preisgeben, sollte Eurydike wirklich auferstehen. Darum muß er sich umdrehen, damit sie ins Reich der Schatten zurückfällt.«

der engel der geschichte bei benjamin fliegt wie ein umgedrehter orpheus. »Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.« barthes erinnerte: »Die Griechen betraten das Reich der TOTEN rückwärts: was sie vor sich hatten, war ihre Vergangenheit.« wir sehen hier kontraste oder konfrontationen zwischen heiligem und profanem, die zu geschichtsphilosophischen überlegungen hinleiten. gibt es dabei spezifisch männliche und weibliche perspektiven? und wem ähneln heutige schriftsteller und künstler mehr, orpheus oder dem engel? und was wäre besser?

rilke meinte: »Ein jeder Engel ist schrecklich.« maldoror bei lautréamont, dem propheten der surrealisten, ist von vornherein ein schwarzer engel und eine inkarnation des bösen und destruktiven, der den menschen ihre deformationen und leiden vorführt. auch bei georg trakl sind engel meist stürzende, brennende, gefallene, zerbrochene, sterbende, verkotete, klagende, blinde, bleiche und erloschene figuren, also im todeskampf begriffen oder bereits tot. in seinem gedicht »Am Moor« wird aus »Flattert mit schwarzen Flügeln ein gefallener Engel« in der 2. fassung in der 4. fassung »Flattert mit schwarzen Flügeln der Geist der Fäulnis«. und ist am ende nicht alles, das real wird, ein stürzender engel?

giorgio agamben, dessen thesen mitunter riskant sind, der aber geistige bewegung in eine ideell stagnierende und zugleich kommerziell und technokratisch beschleunigte welt des rasenden stillstands bringt, kommentierte: »Der Engel der Geschichte, dessen Flügel sich im Sturm des Fortschritts verfangen haben, und der Engel der Ästhetik, der die Ruinen der Vergangenheit in einer der Zeit enthobenen Dimension fixiert, sind untrennbar miteinander verbunden.«, »der Engel der Kunst scheint eingetaucht zu sein in eine Dimension der Zeitlosigkeit, als wäre das Kontinuum der Geschichte von irgend etwas unterbrochen worden, das die umgebende Realität in einer Art messianischem Stillstand eingefroren hätte.«, »die Melancholie des Engels ist sein Bewußtsein davon, daß er sich in der Entfremdung eingerichtet hat, und sein Heimweh nach einer Wirklichkeit, die er nicht besitzen kann – oder eben nur um den Preis, sie unwirklich zu machen.«, »Dem Kafkaschen Bild des Geschichtszustands wird man teilweise Benjamins Idee der als Stillstand des Vorfallens verstandenen Jetztzeit an die Seite stellen können, wie auch die Forderung, ebenfalls in den Thesen Über den Begriff der Geschichte formuliert, man müsse einen Begriff der Geschichte finden, der dem Umstand, daß der Ausnahmezustand in Wirklichkeit die Regel ist, gerecht wird.«, »Sich angesichts dieser paradoxen Situation die Frage nach der Aufgabe der Kunst zu stellen, heißt, darüber nachzudenken, welche Aufgabe ihr am Tag des Jüngsten Gerichts zukommen könnte, also in der Situation (die für Kafka ohnehin der historische Zustand der Menschheit ist), in der der Engel der Geschichte stehengeblieben ist.«, »Wenn es dem Menschen gelänge, seine historischen Bedingungen selbst in die Hand zu nehmen und aus seiner paradoxen Situation auszubrechen, indem er die Illusion jenes Sturms hinter sich läßt, der ihn ständig entlang der endlosen Gleise der linearen Zeit vor sich her treibt, so hätte er im selben Augenblick Anteil an einem vollkommenen Bewußtsein, das es ihm erlauben würde, eine neue Kosmogonie ins Leben zu rufen und die Geschichte in den Mythos zu verwandeln.« und »Getreu dem Prinzip, nach dem der grundlegende architektonische Mangel eines Hauses erst sichtbar wird, wenn es in Flammen steht, offenbart die Kunst erst dann ihre eigentliche Aufgabe, wenn sie den äußersten Punkt ihres Schicksals erreicht hat.«

vielleicht meinte andrej tarkowski mit dem hausbrand am ende seines letzten films »Opfer« etwas ähnliches, auf das auch roland barthes hinwies, wenn er erklärte: »Die Modernität beginnt mit der Suche nach einer unmöglichen Literatur.«, »die Wahrheit der Literatur ist zugleich die Ohnmacht, auf die Fragen, die die Welt sich über ihr Unglück stellt, eine Antwort zu geben.« und »Die Modernität gibt mit der Vielfalt ihrer Schreibweisen die Sackgasse ihrer eigenen Geschichte zu erkennen.« bei benjamin heißt es: »erst der erlösten Menschheit ist ihre Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar geworden.«

adorno sagte: »Nur solche Gedanken bieten der allmächtigen Ohnmacht des sicheren Einverständnisses die Stirn, die bis zum Äußersten gehen.« wer äußere punkte im denken, oder in der kunst, erreicht hat, kann dann durch relativierungen den weg des richtigen maßes suchen, während die radikalität der außenpunkte, die im hinterkopf bleibt, vor anpassungen ans vorgeprägte warnt, die abhängig und ohnmächtig machen können. eine rückkehr zur mythisierung der geschichte, die dadurch aufgebrochen und erlöst werden soll, halte ich indes für genauso gefährlich wie die übertragung künstlerischer techniken auf gesellschaftliche prozesse. die profane lebensrealität darf nie so radikal sein wie philosophie, literatur oder kunst, deren vollständige verwirklichung im leben barbarei wäre. niemand sollte menschen real entpersönlichen, aufsprengen, demontieren, fragmentieren, deformieren oder übermalen.

kafka schrieb über das jüngste gericht, das immer wieder neu beginnt, daß es ein standgericht sei. benjamin bemerkte: »Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.« unter umständen könnte auch dies, neben technokratischen gründen, die heutigen beschleunigungen der lebensabläufe erklären, in denen entweder eine ignoranz gegenüber gefährdungen der zukunft wirkt, oder das, bewußte oder unbewußte, vermutlich eher letzteres, verlangen, die notbremsung, die zur erlösung führen soll, bald zu erreichen. und womöglich verstärken sich beide effekte sogar gegenseitig. am ende bleibt gesellschaftlich, und zumal weltweit, wahrscheinlich, wieder einmal, bloß die befriedung unhaltbarer zustände. alldem setzt weigoni, der historischen situation bewußt, im verein mit bildender kunst und musik seine literarischen sublimierungen entgegen.

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Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen Denker und läßt die Originalität und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Wir streuen über das Jahr Prosa aus dem Benjaminschen Text-Steinbruch ein. Er war ein Großmeister des Aphorismus. Der in der Schwebe gelassene Sinn, die Produktion von Ambiguität – was für Roland Barthes Brecht im Theater geleistet hat, indem er die Sinnfrage zwischen Bühne und Zuschauerraum neu verteilte – findet sich in der Kunstform der Twitteratur wieder.

Weiterführend → ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur.