Außenseiter der demokratischen Gesellschaft

 

„Heute sind Künstler nicht nur ‚Außenseiter der Gesellschaft’ (…), sondern sie sind ‚Außenseiter der demokratischen Gesellschaft’ (…). Mit dieser lapidaren Feststellung plädiert die Autorin in ihren didaktisch-methodischen Reflexionen über mögliche Darstellungsweisen von Kunstwerken für flexible Ausdrucksweisen im Umgang mit autonomen Künstlerpersönlichkeiten. Doch von welchen Leitlinien geht die Autorin, Verfasserin mehrerer fachspezifischer Publikationen zum Thema, in ihrem Ratgeber aus?

In ihrer Einleitung sind es vor allem drei Fragekomplexe, mit derjenige zu tun habe, der sich mit der neuen Kunst beschäftigen wolle: Das Besondere, das Sinnvolle an einem neuen Gegenstand und wie „Schreiben bei neuer Kunst sinnvoll“ sei (S. 9). Das verweist zunächst auf eine beinahe tautologische Vorgehensweise, denn das Besondere, das Sinnvolle und das sinnvolle Schreiben über neue Kunst liegen in ihrer semantischen und pragmatischen Funktionsweise so eng beieinander, dass der aufmerksame Leser zunächst innehält, um sich die Gliederung  des ganz in einem dottergelben Paperback-Umschlag gestalteten Bandes genauer zu betrachten.

In dem Vorspann zu ihrem Ratgeber über „Alte und neue Ratgeber“ rechnet die Autorin mit der „unvorhersehbaren Klugheit ihrer Leser“. Deshalb möchte sie auch kein Ratgeberbuch schreiben, in dem sie etwas vorschreibt. Vielmehr verläßt sie sich mit ihrer Erfahrung von über 40 Berufsjahren auf die immer neuen Verfahrensweisen im Kunstbetrieb und versucht, ungeachtet ihrer eingeschränkten Kenntnis von Weltkunstszenen etwas zu schreiben, was dieser neuen Kunst „angemessen ist“.

Was aber sind alte und neue Ratgeber in einem Kunstbetrieb nach 1800, der nach A. Janhsen die Bezeichnung ‚neue Kunst’ trägt, seit 1910 ungegenständlich wurde und nach 1945 wachsende Schwierigkeiten bei seiner Beschreibung bereitete? Ihre Empfehlungen reichen von Gilda Williams („How to write about contemporary art“, 2014), Arnold Gehlen („Zeit-Bilder. Zur Soziologie und Ästhetik der modernen Kunst“, 1960) bis zu Michel Foucault und Peter Sloterdijk, deren kunsttheoretische Abhandlungen sie unter verschiedenen Rubriken anführt. Jedoch scheut sich Janhsen, irgendwelche bestimmte Ratschläge denjenigen zu geben, die das Schreiben über neue Kunst praktizieren. Vielmehr entwirft sie in ihrem Kapitel ‚neue Kunst’ eine Reihe von Kriterien für den Umgang mit dieser inkommensurablen Kunstproduktion. Es sind Vielfalt, Ähnlichkeit, variierende Gruppierungen, Markenzeichen, Erklärungsbedarf, Provokationen, Ohne Titel, Immaterielles, Interaktives und Partizipation. Die Liste umfasst mehr als zwanzig Merkmale, deren Beschreibung stets mit Verweisen auf Akteure, Publikationen und Theoretiker/innen verbunden ist. Sie sind unter bestimmten Blocks am Ende der Publikation zu finden. Besonders zu empfehlen ist die Checkliste mit 24 Punkten, die wesentliche Fragen zur Vorbereitung und Durchführung von Kunstausstellungen enthält, ohne Gewähr auf ihre Vollständigkeit.

‚Misstrauen gegenüber Sprache’ – mit dieser Beobachtung setzt das Kapitel ein, das von der Behauptung ausgeht, dass nichts aus der Bildenden Kunst sich in Sprache übersetzen lässt und umgekehrt. Und was nun? Eine Sprache für „Nicht-Sprachliches“ schaffen? Wieder Kunstgespräche wie zur Blütezeit der Romantik führen? Den konstatierten Verlust von Sprache in der Moderne und den Verlust von kunstkritischen Kategorien als Ausgangsüberlegungen für offene Festlegungen wie Anspruch, Haltung und Authentizität zu benutzen? Oder vollständig auf das Schreiben verzichten, wenn Schreiben sowieso nur „sekundär“ ist? Doch dieses „Sekundäre“, also das elektronisch Geschriebene, unterliege, so Janhsen, im Zeitalter des Internets der Gefahr, das Erfahrbare verschwinden zu lassen. Und daraus würden neue Kunstformen entstehen, „die mit solchen Bedingungen spielen.“

Es ist ein unermüdliches Zirkelschlußverfahren, dem sich die Autorin nach einem dialogischen Verfahren hingibt, dass den nach schlüssigen Informationen suchenden Leser in ein Labyrinth ähnliches Argumentationsverfahren schickt, in dem für ihn immer andere, vorläufige Erkenntnisschritte möglich sind. So präsentiert sie ein fünf Schritte-Verfahren (Erklären – interpretieren – übersetzen – weitergeben – beschreiben) mit dem Ergebnis, dass „Erklären und Interpretieren und Übersetzen [bei neuer Kunst] suspekt“ sind. „Weitergeben von Informationen oder Beschreiben dessen, was zu sehen ist, … vielleicht nützlich“ (S.107) ist.

Spätestens an dieser Stelle wäre es angebracht gewesen, ein Beispiel für eine „nützliche“ Beschreibung zu geben. Allein die Hinweise auf Max Imdahls Interpretation von Martin Heidegger wie auch die Hans-Georg Gadamer-Lektüre in der Rubrik ‚Weiterlesen’ erweisen sich als wenig ermutigend. Deshalb führt die Lektüre des Kapitels II in die Uferlosigkeit der neuen Kunst, obwohl die Autorin ihre verwirrten Leser damit tröstet, dass es auch heute möglich sei, „gut“ über diesen vertrackten Gegenstand zu schreiben.  Deshalb fügt sie das Kapitel III hinzu, in dem es nun über das „Gut schreiben über neue Kunst“ geht.

Vor dem Schreiben ist trotz aller Gelassenheit noch lange kein konstruktives Schreiben, es sei denn, „man“ habe vom Sprechen über die neue Kunst gelernt – so lautet die Prämisse, es sei denn, der „Lehrling“ habe sich immer wieder die wegweisenden Schriften jener „Top Ten“ (vgl. S. 131) kritisch zu Gemüte geführt. Und die weiteren Schritte beim Entwerfen eines Textes? Bedingungen zum Schreiben prüfen, das eigene Thema kennen, recherchieren, Künstler kennen, alles kennen … Die Liste der vorbereitenden Überlegungen könnte noch länger werden, zumal die Autorin immer wieder auf das Terrain der Belletristik ausweicht. Dann aber folgt das Kapitel ‚Schreiben über die neue Kunst’ mit einer Fülle von pragmatischen Vorschlägen. Die folgenden rund 40 Seiten (S. 154ff.) enthalten Überlegungen, Empfehlungen und Anweisungen zum Gebrauch von Begriffen, verweisen auf Textsorten und Stile, in denen bestimmte Texte verfasst werden und sie setzen sich mit der Stimmigkeit von Begriffen auseinander. Sie enthalten, eingedenk der zahlreichen Hinweise auf die Fallgruben bei der Konstruktion von Texten über die neue Kunst, die eigentliche Essenz der vorliegenden Lehrschrift: Du mußt immer wieder Alternativen bilden, wenn es um die umfassende Beschreibung Deines Zielobjekts geht. Und dieses Objekt erhält in der vorliegenden Empfehlung eine umfassende, wenn auch zuweilen überbordende Darlegung aus der Feder einer erfahrenen Kunsthistorikerin.

 

 

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Gut schreiben über neue Kunst, von Angeli Janhsen Berlin (Dietrich Reimer Verlag) 2019

Weiterführend →

In diesem Zusammenhang, ein Hinweis auf Worüber reden wir, wenn wir über Kunst reden? von Stefan Oehm, Königshausen und Neumann, 2019 – Eine Leseprobe finden Sie hier.

Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

Die Künstlerbücher sind erhältlich über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421