Blitzkopie

– vom spielerischen Umgang mit der Kopiermaschine

Die Ausstellung untersucht verschiedene Annäherungen und Aneignungen des Geräts als künstlerisches Medium und den spielerischen Umgang als indikativen Moment. Zweck und Nutzen werden ignoriert, das industriell gefertigte Gerät wird individualisiert, das Papier wird Bildträger und das Gerät Medium, Objekt und Installation. Hierbei entsteht ein Querschnitt ganz unterschiedlicher Motivationen und Ansätze, die das Kopieren oder die Kopiermaschine thematisieren.

Ausgangspunkt der in diesem Jahr im Rahmen des Shiny Toys Festival stattfindenden Ausstellung «PUSH AND GO – vom spielerischen Umgang mit der Kopiermaschine» ist die Untersuchung von technisch geprägten Rahmenbedingungen und deren Übersetzungen in ein künstlerisches Medium. Hierbei geht es formal um die Fragestellung, wie wir uns technischen Geräten annähern und uns diese spielerisch begreifbar machen können.

In der Betrachtung von verschiedenen Aspekten der Copy Art und insbesondere in der Sammlung des Museums für Fotokopie (M.F.F.) scheint der spielerische Moment im Umgang mit der Kopiermaschine ein sehr grundsätzlicher Motivator zu sein – die Kopie von einer Kopie von einer Kopie. Wobei im Spielerischen sowohl der Zufall als auch eine Unkontrollierbarkeit des Druckerzeugnisses eingespeist wird und darüber hinaus dieses auch zu einem Um- und Weiterdenken der Kopiermaschine selbst führt. So wird beispielsweise in eine Kopiervorlagen immer und immer wieder hineingezoomt oder auch eine Abfolge von Gegenständen, wie Büroklammern, in unterschiedlichen Größen skaliert, zu hundertfach wiederholt und platziert. Es kommt zu sehr bewussten Entscheidung wie ein und dasselbe Blatt Papier abermals zu kopieren oder auch über 12 Stunden hinweg jede Sekunde eine Kopie von einer Uhr anzufertigen. Bei offener Kopier-Klappe werden Gegenstände und Papiere als Kopiervorlage über das Glas bewegt. Die Kopiermaschine dient als Vervielfältigungsapparat, Soundmaschine, Lichtspiel oder auch als Tanzfläche.

Vielleicht liegt es in der Natur der Kopie selbst, dass das Spielen an diesen Geräten und das wiederholende Drücken des Startknopfes eine Faszination ausübt. Ausgehend von der permanenten Möglichkeit der Wiederholung einer Tätigkeit mit abweichenden Resultaten, spielt auch der Begriff der seriellen Abhandlung einen wesentliche Rolle. Eine leichte und dennoch vorhandene Differenz zwischen den einzelnen Kopien scheint von Notwendigkeit, um die Spuren des Kopierens und des immer wieder weiter Arbeitens sichtbar und erfahrbar zu machen, jede Kopie ist auch gleichermaßen ein Original. Das Kopieren dient als ein spielerisches Experiment, das sowohl die technischen Grundlagen der Kopiermaschinen als auch das Resultat auf Papierformaten auf ein typisch ästhetisches Spektrum der Copy Art untersucht.

Die Shiny Toys-Veranstalter freuen sich folgende Künstler* aus der Sammlung und als Gast präsentieren zu dürfen: Rosy Beyelschmidt, Marion Bösen, James Durand, Daria Huddy, Karl Hermann Möller, Jürgen O. Olbrich, Jean-François Robic, The Rapid Publisher, Klaus Urbons und weitere.

Zudem an diesem Abend erhältlich:

Klaus Urbons berichtet in seinem Buch „The Magic of Copies: Chester F. Carlson and the Invention of Xerography“ vom schwierigen Leben des Xerografie-Erfinders Chester Carlson. Er gilt als Erfinder des modernen Fotokopierers nach dem Prinzip der Elektrofotografie. Ebenfalls verwendet wird der Begriff Xerografie (griechisch für „trocken schreiben“). 1942 erhielt Carlson das U.S. Patent Nr. 2,297,691 auf das Elektrophotographie genannte Verfahren. Bis zur Markreife sollten noch einige Jahre vergehen.

Um die Marktakzeptanz des neuen Fotokopierers zu testen, stellte die Firma Haloid die Apparate bei einigen Unternehmen kostenlos zur Probe auf. Das Resultat war niederschmetternd. Alle Unternehmen schickten ihr „XeroX Model A“ nach kurzer Probezeit zurück: Zu kompliziert und zu langwierig für den Büroeinsatz, lautete das einstimmige Urteil. Dass dieser Anfang nicht zugleich das Ende der Xerografie wurde verdankte Haloid der Tatsache, dass sich mit dem Model A auch Papierdruckplatten für den Bürooffsetdruck erstellen ließen. Dies hatten Carlson und Kornei bereits vorausgesehen und erprobt. Da damals viele Unternehmen größere Auflagen mit einer Bürooffsetmaschine vervielfältigten und die Erstellung der Druckfolien zeitaufwändig und kostspielig war, gab es einen Markt mit dem Haloid nicht gerechnet hatte. Und auf diesem Markt war das XeroX-Gerät ohne Konkurrenz. Es gab keine schnellere und preiswertere Methode zur Erstellung von Papierdruckplatten. Mit den Gewinnen aus diesem Marktsegment erhielt Haloid eine gute Grundlage für die Weiterentwicklung der Xerografie. Und auch Chester Carlson, der seit 1948 bei Haloid als Patentanwalt angestellt war, verdiente zum ersten Mal mit seiner Erfindung mehr Geld, als er in all den Jahren zuvor hineingesteckt hatte.

Haloid brachte 1953 mit dem „Model D“ ein für die Erstellung von Druckplatten optimiertes Gerät auf den Markt, das bis in die 1970er-Jahre verkauft wurde. Mit der optional erhältlichen „Camera Nr. 1“ ließen sich auch doppelseitige Vorlagen und Bücher 1:1 kopieren und mit der „Camera Nr. 4“ waren auch stufenlose Vergrößerungen und Verkleinerungen möglich, allerdings weiterhin manuell, wie beim Model A.

Der erste xerografische Automat war kein Bürokopierer, sondern ein Rückvergrößerungsgerät für Mikrofilm: 1954 wurde der „XeroX CopyFlo 11 Printer“ vorgestellt, er produzierte rund 30 Seiten pro Minute auf Normalpapier. Zum ersten Mal wurde eine Selentrommel als Fotoleiter eingesetzt – alle Prozesse konnten somit kontinuierlich ablaufen, wie es Carlson bereits in der Patentschrift seines Modells vorgesehen hatte.

Carlson hatte die Gründung einer eigenständigen Patentabteilung bei Haloid durchgesetzt, um mehr Zeit für die Lösung technischer Aufgaben zu haben. Er wirkte bis Mitte der 1950er-Jahre aktiv an der Weiterentwicklung der Xerografie bei Haloid mit und erhielt zahlreiche weitere Patente. 1955 wurde er zum Vorsitzenden des unternehmensinternen „Small Copier Committee“ ernannt. Dieses Komitee sollte die Planungen zur Entwicklung des ersten vollautomatischen xerografischen Bürokopierers kritisch abwägen und beurteilen. Das Urteil fiel positiv aus und die Ingenieure begannen mit der Arbeit.

Zur gleichen Zeit verhandelte die Geschäftsführung mit dem Battelle-Institut über eine Änderung des Lizenzabkommens. Für 53.000 Haloid-Aktien und eine dreiprozentige Gewinnbeteiligung bis zum Jahr 1965 erhielt Haloid die gesamten Rechte an der Xerografie. Da Carlson 1944 die Rechte an seiner Erfindung gegen eine 40-prozentige Beteiligung an allen Einnahmen an Battelle abgetreten hatte, standen ihm nun 21.200 Haloid-Aktien plus eine 1,2 % jährliche Gewinnbeteiligung zu. Dies sollte die Grundlage seines späteren Reichtums werden.

Haloids Geschäftsführer Joe Wilson wollte, dass das Engagement des Unternehmens für die Xerografie, die 1956 bereits 40 % der Einnahmen ausmachte, durch eine Änderung des Unternehmensnamens deutlich werden sollte. Er schlug vor, den bisherigen Markennamen Xerox als Firma zu wählen, stieß aber im Vorstand und bei den Aktionären auf großen Widerstand. Als Kompromiss wurde das Unternehmen 1958 in „Haloid Xerox“ umbenannt. Die Umbenennung in Xerox Corporation erfolgte nur drei Jahre später.

Chester Carlson wurde von seinen Kollegen bei Haloid stets als ein rücksichtsvoller, geduldiger und zurückhaltender Mensch beschrieben, der ganz in seiner Arbeit aufging. Er mochte es nicht, im Vordergrund zu stehen und beteiligte sich in den Mittagspausen höchstens an Fachgesprächen. Während seiner ersten Ehe hatte er praktisch nur für seine Erfindung gelebt, doch durch seine zweite Frau Dorris änderte sich sein Leben und Carlson wandte sich zunehmend metaphysischem Gedankengut und Themen wie Wiedergeburt und fernöstlichen Religionen zu.

Durch den Lizenzverkauf an Haloid waren die Carlsons ab 1955 erstmals finanziell unabhängig und konnten aus den wachsenden Einnahmen ihren bescheidenen Lebensstil bestreiten. Carlson gab seinen Posten bei Haloid auf, blieb aber bis zu seinem Tod als Berater für das Unternehmen tätig.

Noch heute, 60 Jahre nach der Einführung der Xerografie, kommt die von Carlson erfundene Technik in nahezu allen größeren Kopierautomaten zum Einsatz. Allerdings nun in digitaler Form, als Laser- oder LED-Druck in Schwarzweiß oder Farbe. Der digitale xerografische Farbdruck kann sich schon seit Jahren qualitativ mit dem Offsetdruck messen, bietet aber im Vergleich dazu ein zuvor unbekanntes Maß an Flexibilität. Aus den Bürokopierautomaten von 1960 sind heute regelrechte Kommunikationszentralen geworden, die Dokumente senden und empfangen, elektronisch verteilen und archivieren, als fertig gebundene Bücher ausdrucken und nach wie vor auf Knopfdruck fotokopieren. Dass wir uns heute nicht mehr vorstellen können, ohne Fotokopierer auszukommen, ist ein sicheres Indiz dafür, dass Chester F. Carlson mit seiner Erfindung die Welt verändert hat.

Die Entstehungsgeschichte der ersten Xerografie im Jahre 1938 hat Klaus Urbons oft in öffentlichen Vorführungen geschildert und dann dem Publikum demonstriert. Im Anschluss daran konnten die Museumsbesucher Carlsons Trockenkopier-Experiment selbst nachvollziehen.

 

***

«PUSH AND GO – vom spielerischen Umgang mit der Kopiermaschine»

Vernissage am 29.11. ab 19.00 Uhr, Makroscope, Mülheim an der Ruhr

LIVE: Peter Strickmann

Weitere Öffnungszeiten: So. 2.12. / Do. 6.12. / So. 9.12. / Do. 13.12. / So. 16.12. (jeweils von 15 bis 19 Uhr).

The Magic of Copies: Chester F. Carlson and the Invention of Xerography Paperback – 2018

Weiterführend →

Blitzkopie: Auszüge aus einem Interview mit Dr. Edith Weyde 1988
Das kleine Helferlein – Hörfilm auf MetaPhon
Xerografie: Erstes Remake des Astoria-Experiments zum 70jährigen Xerografie-Jubiläum 2008