Altes Haus

Er hat die Möglichkeit durch dieses alte Haus zu gehen. Denkmalgeschützt, uraltes Fachwerk mit ziemlichen Zuglücken zwischen Balken und Gefache. Überall bröckelt der alte Lehmputz, der glücklicherweise nicht herausgeschlagen wurde. An anderen Stellen hat man alles mit Gips genichtet. Die längste Zeit hat der Bau wohl schon hinter sich, aber wahrscheinlich wird er noch einige Jahre mitmachen. Vielleicht noch zweihundert Jahre. Stehend mit neuem Leben gefüllt, vielleicht auch kreischenden Kinder und wahnsinnig coolen Jugendlichen, die sich freuen, wenn Eltern oder Erziehungsberechtigte auch mal raus gehen, zumindest bis eins oder zwei. Denn morgens oder mittags, wenn man aufwacht ist es doch gut, wenn die “alten” alles hergerichtet haben.

Eine Begehung ohne Folgen wird es wohl sein, nie wieder später zu betreten, das wurde ihm klar gemacht, auf subtile Art und Weise. Du bist Gast. Er sieht sich die Räume an, die verschandelt durch verschiedene Renovierungsversuche letztlich nur zeigen, dieses Haus ist ein Fall für Liebhaber. Immerhin kann man viel dort machen. Einige Container Schutt müssen entsorgt werden und einige Wagenladungen an Material werden wohl folgen. Der Keller ist ein Gewölbe, lädt dazu ein, dort endlich einmal einen richtigen Weinkeller zu bauen, ohne Kompromisse, als Lager, das von dem natürlichen Klima abhängt. Man muss nicht alles perfekt einstellen, die alten Häuser regulieren sich schon selber. Nicht alles muss mi Termometern geregelt und elektronisch verfeinert sein. Zuweilen sollte man Vertrauen in das Wissen, die Erfahrung der vorhergehenden Generationen haben.

Im Untergeschoss die Räume ließen sich sicherlich zu verspielt praktischen Büros ausbauen, etwas zu verwinkelt vielleicht. Aber gerade das macht ja den Reiz solcher Objekte aus. Schon hier gerät er ins Träumen. Wohl wissend, dass solche Träume für ihn fruchtlos sind, denn weder kann er sich dieses Objekt leisten, noch könnten die anstehenden Arbeiten von ihm selbst gemeistert werden. Dazu braucht es Sachverstand und jemanden, der damit umzugehen vermag. Immerhin ist es wichtig, solche Träume zu leben, im Innern, zumindest für einige Zeit sich in den Vorstellungen wälzen. Regen. Gedankentreppen auf und ab. Die Stufen geht er hinauf, sieht die restlichen großzügigen Etagen, vor allem der Dachboden ist eine wahre Wonne. Dort findet sich noch das Umlenkrad einer Seilzugwinde. Gerade die Anachronismen allerdings lassen uns sehen lernen. Etwas aufbereitet und isoliert ließe es sich hier leben. Der Blick ist traumhaft. Und wer sagt, dass das Licht nicht möglich ist?

Immer wieder geht es ihm so, er ist durchaus in der Lage, zu sehen, welche Potentiale in solchen Immobilien stecken, ohne dass man gleich wieder an die Möglichkeiten einer folgenden gewinnträchtigen Veräußerung denken sollte oder will. Aber die Ausdruckskraft, der Geist der Geschichte, der hierin liegt, ist schon wert darüber nachzudenken. Als er wieder draußen steht, auf dem Kopfsteinpflaster und nach oben schaut, ist ihm eines sehr deutlich geworden. Immer wieder tauchen in seinem Leben solche Objekte auf, die der Inbrunst und Liebe bedürften. Aber jedes Mal muss er zugeben, dass er zu spät gekommen ist. Auch der Besitzer kommt zu spät und wundert sich, dass alle schon im Aufbruch sind.

 

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Haimo Hieronymus präsentiert zudem Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.

In 2018 kommt etwas Gewichtiges auf Sie zu. Zyklop I ist mit einer partikularen Sichtweise eine ebenso wunderbare, wie irritierende Erfahrung. Das eine ist nicht vom anderen zu trennen, denn Haimo Hieronymus will unbestreitbar Schönheit schaffen und er will hier nicht weniger als von allem erzählen: Vom Großen, Ganzen, vom Kosmos, von der Schöpfung. Gar vom Leben selbst, indem er in die Vollen greift, ohne Angst, etwas falsch zu machen. Kunst erkennt man daran, daß sie das Ewige sichtbar macht, Bilder werden zu einem idealen Erkenntnismedium. Zyklop I ist ein sakrales Kunstprojekt ohne religiöse Dogmen.

Zur Subscription freigegeben: Zyklop I, Katalog mit Fotos von Haimo Hieronymus, Edition Das Labor. Erscheint im September 2018 in einer limitierten Auflage von 100 Exemplaren. Freunde und Förderer werden im Katalog mit einer Würdigung dokumentiert.

Anfragen zu Zyklop I und den bibliophilen Kostbarkeiten über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421

Weiterführend → Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

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