Licht in Venedig

 

So begreife jemand Venedig
Im Wasser.
(Du mußt es selbst tun…)

Die Pfähle ohne Stütze,
Wer sieht sie sinkend
In einen Schlamm?

Ich sage nicht; ich sah
Einen Halt im Wasser, ein Geflimmer
Für den Tod,

Gondeln nicht,
Aber Trauer. Sie spiegelt sich
Versonnen

Den Lüften und Schächten,
Fragen, auch dort,

Wo ich war. Ich sehe es genau:
Ich war nie in Venedig.

 

 

 

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TOTENTANGO, Gedichte von Norbert Sternmut, Pop Verlag 2017

Norbert Sternmut gehört ohne Zweifel zu den begabtesten Lyrikern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. In seinen Gedichten entfaltet Sternmut einen unübersehbar beziehungsreichen „Hexensabbat“ der Vergänglichkeit, in dem Dinge und Menschen einander er- hellend und ver dunkelnd, gleichermaßen zu reden beginnen. Wie „Geist“ und „Materie“, so vertauschen auch „Ferne“ und „Nähe“ ihre überkommenen „Selbst verständlichkeiten“ und werden füreinander durchlässig auf eine opake Faktizität hin, die Bestimmbarkeit überhaupt als un- vordenkliche Beschränkung „zeigt“.  Das alles geht sicher „Über den Verstand“. Aber darin, dass es Sternmut gelungen ist, „den Austausch/ der Klopfzeichen/ auf die Nullinie“ mit geradezu materieller Intensität zu präsentieren, liegt sicher eines der wesentlichen Verdienste seiner Lyrik, die damit beispielhaft Czeslaw Miloszs These bestätigt, dass man die Möglichkeit der Philosophie in der Wirklichkeit der Lyrik realisiert finden kann.

Jürgen Hachmann

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