Durchdringungen

Was heißt Ähnlichkeit? Wenn jemand stirbt, hinterlässt er allen, die ihn kannten, eine Leere: ein fest umrissener Raum, der für jeden zu Betrauernden anders ausfällt. Die Konturen dieses Raumes umschreiben die Ähnlichkeit  eines Menschen, und sie sucht der Künstler, wenn er ein lebendiges Portrait schaffen will. Eine Ähnlichkeit ist etwas, das man unsichtbar zurücklässt.
John Berger in: Gegen die Abwertung der Welt

 

Dieter Eidmann war ein deutscher Bildhauer, Maler, Schmuckgestalter und Fotograf. Als Steinbildhauer arbeitete er konkret – mit dem Schwerpunkt „Durchdringungen“. In seiner Malkunst orientierte er sich an der informellen Malerei der 1960er Jahre und an Techniken der japanischen Kalligrafie.

Eidmann dokumentiert in seiner über 50-jährigen Werkbiografie eindringlich die Diversität und Vernetzung von Bildkunst und plastischem Werk, von Fotografie, Skizze, plastischem Modell, künstlerischen Schmuckobjekten, schließlich und im Hauptwerk die „Archiskulptur/Archiplastik“ und die Steinskulptur (überwiegend Granit) bis hin zur späteren Kalligrafie und Gouache ab 1995. Dieter Eidmann arbeitete „simultan“ mit verschiedenen künstlerischen Techniken in zahlreichen Gestaltungsformen. Er blieb ein Bild-Former im wahren Sinne des Wortes. Seine bildnerischen Werke orientieren sich am plastischen und skulpturalen Werkziel Durchdringung.

Archiplastik, Gips 2011. Photo: BSideRarities

Eine „logische“ Konsequenz der Gipsmodelle, die als autonome Kleinplastiken erst spät vom Künstler als diese akzeptiert wurden, waren die größeren an menschlichen Körperrelationen orientierten Archiskulpturen bzw. Archiplastiken die einer über ca. 10 Jahre dauernden komplexen Arbeitsreihe angehörten. Es entstanden strahlend weiße, auch zweiteilige Plastiken mit schwingenden, fein modellierten und gespannten Oberflächen im Formenspiel geometrischer und organischer Durchdringungen: Fast ephemer anmutende „Gehäuse“ (also keine Kernplastiken), die in ihrer Ausstrahlung Assoziationen zu raumgreifenden sakralen Architekturen auslösen. Die aber auch, losgebunden von allen Zwecken und Bestimmungen, Räume, Plätze und Landschaften als Orte der Ruhe und Meditation neu einstimmen könnten. Sie vermitteln durch vage Öffnungen als Einschnitte in die Plastik eine Möglichkeit der „Innenschau“ und machen so das Prinzip der Formdurchdringung transparent: Man „schaut“ unter die Oberfläche, unter die Haut der Plastik in den kubistisch anmutenden Innenraum. Die konkave Innenform vermittelt „imaginativ“ eine neu dimensionierte Gestalt der Plastik, die sonst niemand so zu Gesicht bekommt.

Im Gegensatz zur nahezu kalkulierten Sorgfalt, zur weitgehend gerätetechnik-armen, „analogen“ Langsamkeit der Entwicklung und Entstehung der Steinskulpturen finden die kalligrafischen Arbeiten und die Gouachen in Minuten – manchmal in Sekundenprozessen ihr entschiedenes Gelingen. In äußerster Konzentration auf das leere Blatt und die erste avisierte Farbe auf dem Pinsel, oft mit dem Staub und Granulat der Granitskulpturen vermischt, in Spannungshaltung „by accidence and by chance“ – für ein glückliches Gelingen – finden die Werke ihre starke Präsenz, ohne wirklich „gesucht“ worden zu sein. Während der Künstler oft wochenlang an Entwürfen seiner Plastiken und Skulpturen mit zahlreichen Zeichnungen und Modellen arbeitet, gibt es hier keinen konzeptionellen Vorlauf. Die Bilder entwickeln ihre Wirkkraft und Tiefe, je länger man sie anschaut. Sie entwickeln eine Vieldimensionalität, die die zunächst vordergründig vermisste Nähe und Korrespondenz zu den plastischen Werken schlüssig werden lässt. Es sind von Farben gefundene „plötzliche“ Bilder der Skulpturen und Plastiken und enthüllen einen unerwarteten Wesenszug des Künstlers: Heiterkeit und Leichtigkeit, enthoben aller ästhetisch definierten Verpflichtung zu Harmonie und Kolorit in einer bisher unbekannten Farbintensität, in ungewöhnlichen Kombinationen, mit instinktiven Pinselbewegungen und zugleich geschärften Sinnen ausgedrückt. Sie zeigen die Fähigkeit, verschiedene künstlerische Aufgabenstellungen mit verschiedenen Techniken interdisziplinär und experimentell umzusetzen, die auch seine kunstpädagogische Arbeit beflügelte.

Durchdringung, Schwedischer Granit, Aschersleben 1996–2000. Photo: BSideRarities

Der Granit wurde durch Eidmann individualisierte Gestaltung. An den Granitskulpturen arbeitete er klassisch und mit Augenmaß anhand seiner Gipsmodelle mit Hammer und Meißel und zum Ende hin aufwändig oft monatelang mit Diamantschleifpapieren. Die Oberfläche der plastischen Werke, ob in Stein oder Gips, zeigt sich stets gespannt wie die Haut über einem lebendigen, in Ruhe bewegten und pulsierenden Körper, jedoch ohne an die Grenze der Realtäuschung zu gelangen. In den plastischen Werken von ihm, ob in den Granitsteinskulpturen oder in den Gipsplastiken, gilt es, die infolge der Durchdringungen verborgenen Formen aufzuspüren, die sich dem Blick fast zeitgleich wieder entziehen. Eidmanns letzte Steinarbeit (2015), gearbeitet in dem äußerst seltenen belgischen „Noir de Mazy“ („Schwarzer Marmor“), zeigt sich als komplexes Durchdringungs-Konzentrat seiner über ein halbes Jahrhundert währenden Arbeit als plastischer Künstler, das er erst- und einmalig in der Orangerie der Kulturstiftung Rügen zeigte.

Die letzten Bilder 2017: Leuchtende Farben und die vom plastischen Werk vertrauten geometrisch-organischen Formen – hier jedoch, anders als in den Gouachen und Kalligrafien, in plakativer, klarer Abgrenzung voneinander. Sie eröffnen dem Blick Tiefe und Weite und zeugen von der farbräumlichen Kraft der Farbe, die nicht an wiedererkennbare Inhalte gebunden sein muss, aber viele räumliche Sichtweisen ermöglicht. Ineinandergefügte klare Bildräume zeigen einen leuchtenden, pastosen Farbauftrag, dem Granitmehl beigemischt wurde. Zuletzt entwarf er in winzigen exakten farbigen Entwürfen zahlreiche weitere Bilder dieser für sein Schaffen bis dato ungewöhnlichen Arbeitshaltung.

Weiterführend → 

Vertiefende Informationen zum platischen Werk von Dieter Eidmann finden Sie hier.