Mischwerte

„Wie kannst du nur deine reale Welt mit deiner geschriebenen Fiktion vermischen?“ „Ich glaube, dass es egal ist.“ „Was willst du damit sagen?“ „Nun ja, es ist egal – doch wirklich und einfach völlig egal, ob etwas erlebt wurde oder ob es erfunden ist. Der Inhalt des Geschriebenen verändert sich dadurch in keiner Weise.“ „Der Leser wird verwirrt.“ „Nein, jeder Leser kann sehr wohl zwischen beidem unterscheiden. Die meisten Leser erfinden außerdem die gelesene Realität für sich neu. Selbst wenn die biographischen Bezüge herausfallen würden, suchten sie weiterhin nach den Realbezügen. Also versuche ich die Dinge zu mischen. Da wird jeder sofort wissen, wann etwas beginnt zu kippen, wird sich seinen Reim darauf machen können, warum denn an dieser Stelle, genau hier die Erfindung des Schreibers Einzug nimmt. Der Leser ist ein erfahrener Rezipient, sei es nun als Seher im Fernsehen, bei youtube oder auch im Kino. Er kann die Normalität von der Extremfiktion trennen, sei es im Sachbuch, im Roman, in der Yellowpress. Er weiß um die Funktion der Fiktion, lässt sich gerne in fremde Welten und Gedanken entführen. Je professioneller, desto spannender wird es ihm, die Unterscheidungen zu treffen, im Erkennen der Unterschiede.“ “Trotzdem, ich halte das für moralisch verwerflich.“

Herr Nipp konnte sich über solche Gespräche nur amüsieren. Vor allem dann, wenn er selbst nicht beteiligt war, wenn er zuhörte. Er glaubte nicht an die Ernsthaftigkeit einer solchen Auseinandersetzung. Hatte seine eigenen Erfahrungen gemacht und festgestellt, dass das Erlebte, das Gesehene, das Erdachte immer Teile der Realität waren. Unmöglich trennbar. Seine große Frage konnte dessen geachtet nur lauten: Gab es überhaupt irgendeinen Unterschied?

 

***

Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.