Der Strom

 

Als nun der Strom meiner Nächte

breit durch die Ebene glitt,

brachte er krauses Geflechte,

Tangwerk und Dorngestrüpp mit,

brachte von bergiger Quelle

wilder Blüten Gerank,

und es klang seine Welle

dunkler als droben sie klang.

 

Lauscher standen am Lande,

horchten dem Klange voll Zorn

als einem sicheren Pfande

für den vergifteten Born,

schrien böse und lauernd

all meinen Frohmut entzwei,

und meine Seele glitt trauernd

ihrem Erkennen vorbei. —

 

 

Margarete Beutler war Mitglied der künstlerisch-literarischen Vereinigung »Die Kommenden«, zu der auch Else Lasker-Schüler, Hans Ostwald und Ernst von Wolzogen gehörten. 1902 veröffentlichte Beutler nach Beiträgen in Zeitschriften wie dem »Simplicissimus« ihren ersten Gedichtband und zog von Berlin nach München. Dort trat sie vermutlich beim Kabarett »Die Elf Scharfrichter« auf, arbeitete als Redakteurin der Zeitschrift »Jugend« und war als Übersetzerin tätig. 1908 erschien, protegiert von Christian Morgenstern, ein zweiter Band Neue Gedichte und 1911 der dritte mit dem Titel Leb wohl, Bohème. Ab 1925 lebte Beutler im selbst erworbenen kleinen Blockhaus in Seeheim am Starnberger See unter ärmlichen Verhältnissen.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten lehnte sie den Beitritt in die Reichsschrifttumskammer ab und verzichtete somit auf weitere Veröffentlichungen.

Weiterführend → Poesie zählt für KUNO weiterhin zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung.