Spielerische lyrische Trakte

27. Mai 2014
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Wer sowohl des Englischen als auch des Deutschen in poetisch ausgefeilten Dimensionen so mächtig ist, dass er gleichsam parallel seine lyrischen Texte präsentiert, der ist sich seines publizistischen Auftrags gewiss. Paul-Henri Campbell, 1982 in Boston (USA) geboren, ist von seiner Herkunft und seiner akademischen Ausbildung auf das beste prädestiniert, ein binationaler Dichter zu sein. Seine klassische philologische Ausbildung und seine theologischen akademischen Studien in Dublin und Frankfurt/M., seine Mit-Herausgeberschaft der Anthologie ‚DAS GEDICHT’, gemeinsam mit Anton T. Leitner, wie auch seine ersten Lyrikbände „ductus operandi’ und Space Race“ verweisen auf die umfassenden Dimensionen seiner literarischen Ambitionen. Das verdeutlichen auch die beiden Eingangszitate zu dem vorliegenden zweisprachigen Lyrikband. In zwei dreisprachigen Eingangszitaten aus a) der Engelvision in den Apocalypsen, Absatz 17.7 und b) aus der Ilias von Homer signalisiert der Autor die intendierten Topoi seiner Dichtung: der himmlische und der mythische Raum als Diskursformen eines Denkspiels, das unauslotbare Zielfelder anstrebt.

Der Auftakt zum „Am Ende der Zeiten“, (engl.: At the End of Days“), ist „Beim Jungfernflug der Concorde, geflĂĽstert“ gewidmet. „Gebeugt hat sich die Spitze dir vorm Abflug,/ als sei das plötzlich Demut in den Turbinen: dem Schwan glichst du mir, schönes Fabeltier, / der auch ein Panther ist / – nur aus Titan.“ Dann setzt unter der Ăśberschrift ‚Cockpit’ ein Dialog des lyrischen Ich mit einer Ăśberschall-Passagiermaschine ein, die von „Kontinent zu Kontinent“ jagt, Zeitzonen auflöst und die dem verwirrten Fluggast ein ständig schwankendes GefĂĽhl zwischen Mensch-Sein und reiĂźendem Tier vermittelt. Doch in diesen „fluiddynamischen Grenzschichten“ (vgl. S. 11) laufen in der Wahrnehmung des lyrischen Ich noch weitere Prozesse ab, die sich zwischen Traumvisionen und romantisierten Begriffsfeldern (Lanze, ArmbrustschĂĽtzen, Drachen) entfalten.

Die folgenden mythisch aufgeladenen lyrischen Reflexionen pendeln zwischen religiösen Visionen und „dem Rausch der doppelten Mach“, die sich zu Legenden bei zweifachem Überschall (vgl. S. 10) verdichten, auflösen und in den Wolken, „dem schwebenden Hochgebirg“, verschwinden. Auffällig ist dort der Vergleich zwischen der „Unschuld der Concorde“, die „der Geschichten Schall“ durchbricht, und jener bimmelnden Eisenbahn, die im Dezember 1835 den ersten deutschen Schienenverkehr zwischen Nürnberg und Fürth einleitete. Rätselhaft bleibt, welche Beziehungen sich zwischen der Jungfrau Concorde, die nach Campbell „ein paar Jahrhundert zu spät“ kommt, um Legenden zu bewohnen, und dem „Gemächt eines berauschten Prinzen“ (ebda., S. 10) anbahnen, wenn die Unschuld der Concorde keine Gelegenheit findet, sich mit einem berauschten Prinzen zu vergnügen. Ob es vielleicht der „Prinz“ Tupolew gewesen ist, der Konstrukteur des sowjetischen Überschall-Flugzeugs, der Tupolew-144, dem ersten Passagier-Flugzeug, das die Schallmauer durchbrach? Eine solche Vermutung ist irreführend, denn bei den Beziehungen zwischen beiden ging es nur um das „Feilschen ums Privileg“, wie es die lyrische Reflexion ‚Hypotaxe als Taktik’ (S. 13) aufgreift. Es ist das monarchistische Erbfolgeprinzip, das Primogenitur, das Campbell überraschenderweise in den ohnehin unruhigen Gedankenstrom einbettet. Auch die folgende Passage, in der die Concorde, die am 25. Juli 2000 beim Start auf dem Flughafen Paris Charles de Gaulle abstürzte und 109 Insassen, einschließlich vier Hotelangestellte in einem benachbarten Hotel, in den Tod schickte, als „segnende Priesterin“ bezeichnet wird, erweist sich als irreführend. Der Dichter versieht den tragischen Unfall mit einem „warum?“ und lässt den Leser Rätsel ratend zurück.

Auch der Rezensent legt den Hardcover-Band beiseite, blickt verwundert auf dessen Vorderansicht, auf der eine weibliche Engelsfigur vor drei kopflose Kleiderpuppen sitzt, die in einer beleuchteten Unterbühne schweben, während rechts im Hintergrund eine männliche Gestalt in einem blau-grünen Overall einen Bühnenhimmel fixiert. Rätselhaft, denkt auch er, dreht den handlichen Lyrikband, um auf der Rückseite etwas über die Gedichte von Paul-Henri Campbell zu lesen. Er thematisiere Zeitenumbrüche, Orte wie Detroit, der USS-Flugzeugträger Kitty Hawk oder die Mathildenhöhe in Darmstadt tauchten auf ebenso wie ein Herzschrittmacher und Rilkes Exorzismen… Aha, denkt der hilflose Rezensent, er will seinen Leser nicht nur ästhetisch verwirren, er will ihn auch in die ätherische Tiefe von Elegien schicken. Und schon liest er, die Seite 69 aufschlagend: „Dein Glück ist / vom Vorübergehen der Verse / so trüb geworden, dass du nichts erkennst. / Dir ist / als ob du an tausend Versen zehrtest / und hinter tausend Versen nichts benennst.“

Sicherlich, die Visionen der Poesie und deren semantische wie auch syntaktische Gestaltungen sind so unbegrenzt wie auch deren interpretatorischen Versuche. Doch irgend welche Leitfäden, an denen sich Interpreten orientieren könnten, wären durchaus notwendig für den streitbaren Diskurs. Führen die deutsch- und englischsprachigen Zitate in Kernelemente der spielerischen lyrischen Trakte? Geben die Abbildungen, wie z.B. ein Gewebequerschnitt in einem Rastermikroskop (S. 45), den Blick frei auf den Text „Tourists in Front of Dante’s Tomb“ (S. 44), vermitteln sie Aufschlüsse über irgendwelche Beziehungen zwischen ikonischen und verbalen Texttypen? Mit diesen Fragen an den Autor legt der Rezensent mit einem bewundernden Blick auf das Titelbild (Aris Kalaizis) den handlichen Hardcover-Band beiseite.

***

Am Ende der Zeiten. At the End of Days. Gedichte von Paul-Henri Campbell.  : Poetry, Leipzig (fhl-Verlag) 2013, 108 S., 14.- €.ISBN 978-3-942829-56-4,

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