Twitteratur von Botho Strauß

Mit welchen inhaltlich verwandten Thesen beunruhigen Byung-Chul Han, der aus Korea stammende, an der Universität der Künste in Berlin lehrende Kulturphilosoph, und Botho Strauß, das enfant terrible der deutschen Literaturszene, gegenwärtig die Vordenker der bundesdeutschen Nation? Der eine spricht von der Agonie des Eros, von einer Müdigkeitsgesellschaft oder wie zuletzt, vom Zerfall des öffentlichen Raums und dem Ende des kommunikativen Handelns (vgl. Byung-Chul Han. Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns. Berlin: Matthes & Seitz, 2013) und der andere von einer Gesellschaft, aus der jede Diskretion verschwunden sei. Strauß’ These in dem jüngst im Diederichs Verlag erschienenen Band mit Aphorismen bezieht sich auf einen Idioten, der  „in mehrfacher Symbol-Gestalt auch als Januskopf (existiert): nach vorn blickt die Parodie des Informierten, der Info-Demente. Zurück blickt die Heiterkeit des Ungerührten. Der heitere Idiot in der Welt der Informierten zu sein heißt, ohne eine Regung von Zukunftsunruhe, ohne Angst zu leben.“ (S. 7)

Welche Unterschiede zeichnen sich zwischen dem kultursoziologischen und dem literaturphilosophischen Ansatz ab? Inwieweit ähneln sich die Konzeptionen? Der an deutschen Universitäten ausgebildete koreanische Kulturphilosoph bedient sich in seiner thesenartigen Schrift über das Dilemma der digitalen Rationalität, der es an kommunikativ-diskursiver oder dialogischer Innerlichkeit fehle, einer Reihe von theoretischen Ansätzen. In ihnen ist die Rede von der Entmündigung im Internet (Eli Pariser), von der dialogischen Dysfunktionalität des Web (Jürgen Habermas) oder von der Umsteuerung des Informationsstromes im Netz, die den öffentlichen Raum überflüssig mache (Vilém Flusser). Diese von exogenen Faktoren ausgehende Konzeption steht dem auf endogene Wirkmerkmale zurück geführten Denkansatz von Botho Strauß gegenüber. Ihm geht es vor allem um den von Informationen überschütteten Menschen, dessen Denksystem nur noch  in „Muster und Module“ zerfällt, der zwar intelligent ist, aber bei weitem nicht klug, bei dem Wissen sich nicht in Weisheit verwandelt hat. Die seit den frühen achtziger Jahren in immer neuen Variationen entworfene Konzeption vom unvollendeten Projekt der Aufklärung erfährt bei Strauß nunmehr in der Figur des Idioten, mit einer Variante Idiotes, die wohl dem lateinisch korrekten idiota (Stümper) entspricht, des Dementen wie auch des Toren eine aphoristische Ausprägung. Die semantische Überprüfung der Häufigkeit der Begriffe führt bei einer aufmerksamen Lektüre zu einer Reihe von vorläufigen Einsichten. Bereits im ersten Textabschnitt begegnet uns der Demente in vielfacher Gestalt.

Nach einer gleichsam episodenhaften Einleitung, in der ein schwachsinniges Kind an der Hand seines älteren Bruders eine Dorfstraße entlang schlurft, wird die Figur des Idioten vorgestellt: „Der Idiot erscheint wie ein Gemüt, das sich zu weit ausspannte, sich überdehnte und nie wieder kontrahieren konnte. Vielleicht ist er der Erstgeschlagene und Prototyp unter den Menschen, die in Millionenzahl vom Verenden des Verstehens überrascht werden.“ (S, 6)

Die ungewöhnliche Wortwahl: Verenden des Verstehens, also Demenz oder ein Gemüt, das sich wie ein Luftballon verhält, überrascht ebenso wie die metaphorisierende Beschreibung des Verhältnisses von Intelligenz und Dummheit („Das Innere der Dummheit ist zart und durchsichtig wie ein Libellenflügel, es schillert von überwundener Intelligenz“, S. 7).

Auch die Beschreibung des Idioten, der „auf den Fluten uferlosen Gedenkens“ dahin treibt und kurz bevor er im Jenseits-Nachen verschwindet“, verwirrt ob seines metaphysischen Umfeldes:

„Der Idiot. der Gedächtnislose selbst  – treibt er nicht auf den Fluten uferlosen Gedenkens? – Treibt dahin, wie die Barke, die jenseits des Horizonts in ewige Dunkelheit vorstößt. Kurz vor dem Umsteigen in den Jenseits-Nachen trifft ihn noch einmal der grelle Suchscheinwerfer der Verständigten.“ (17)

Das literarische Bezugsfeld, in dem sich die Figur des Idioten bewegt, taucht dann unter Verweis auf den Fürsten Myschkin in Dostojewskij Roman „Der Idiot“ auf. Der Fürst, so Strauss, bringe „das Radarsystem der logischen Ordnung von Aussage und Replik durcheinander. Er hört das Widerlegte im Kern jeder Behauptung.“ (S. 23) Dieses Feld verlässt Strauß in den folgenden Aphorismen. An seine Stelle tritt nun ein kognitives Muskelpaket, „dem der Sparringspartner fehlt“, wie der Autor unter Verweis auf Zarathustra anmerkt. Und die Offenbarung, dass der von Nietzsche kreierte „Übermensch“ in der technisierten Zivilisation ein Unikum werde, eine „Kreuzung zwischen beseeltem Ding und dinggewordenem Mensch.“ (S. 110). Diese fragile Kombination von verdinglichter Seele und entfremdeten Mensch erfährt insofern eine physikalische und anthropologische Beschreibung, als auch der Versuch unternommen wird, die künftige Ausgestaltung des homo erectus auszumalen.

„Letzte Menschen werden recycelt aus ihren sonnenlosen Resten. Ihr gestrüppüberwachsenes (!) Auge wird befreit und neu gefasst: ein winziges Panel im Nanometerformat ersetzt das nackte Schauen wie das ideelle Auge.“ (S. 112)

Und der noch existierende, kritikfähige Mensch? Wenn er, wie Strauß meint, eine Schule der Nacht besucht hätte, dann hätte er erfahren, dass „unser Wissen einen undurchsichtigen Dunstkreis bildet, Teilchenstaub, in dem Beziehungsreichtum herrscht und nichts als Aufeinanderbezogenes wirkt. Und dass wir selbst nur torkelnde Tanzfiguren sind am Rande von weit entfernten Klängen, Verworrene von so viel Licht- und Schattenwechsel …“ (S. 129)

Doch die „torkelnden Tanzfiguren“ gewinnen in den abschließenden Aphorismen plötzlich eine politökonomische Präsenz, die wiederum überrascht. Es ist die Existenzform des Kapitalismus, in der „der Arbeiter … sich nicht in den Dienst eines Unternehmens (stellt), sondern in die Funktion einer Finanztransaktion, … entlassen oder umgesetzt (wird).“ (S. 150)

Sicherlich ist es eine Eigenschaft des Aphorismus, dass er seinen funkelnden Esprit gleichsam eruptiv seinem Leser entgegenschleudert, auch auf die Gefahr hin, dass dieser den narrativen Faden und den kognitiven Bogen im Leseakt  verliert. In den „Lichter des Toren“ flammt er leuchtfeuerartig auf, verschwindet am Himmel des Weisen, um in der Gestalt des verwunderten Idioten wieder aufzutauchen. Und in welcher Stimmung wird er sich vom Leser verabschieden? Wird er die Emanzipierten in der Greisengesellschaft, die den sozialen Fortschritt pflegen und eine Gesellschaft des Absterbens hervorbringen (vgl. S. 174), noch wahrnehmen? Nein, es ist die „Heiterkeit der Abstinenz“, die seine Laune beherrscht.

Was bleibt nach der Lektüre der rund 400 Aphorismen, in denen das grimmige Hohelied des Reaktionärs gesungen wird, der skeptisch „auf die Eigendynamik von Liberalisierungen und Egalisierungen (blickt)“ (S. 105)? Gewinnt bei Botho Strauß zwanzig Jahre nach seinem Anschwellenden Bocksgesang der „durchinformierte Mensch wieder Maß und Mitte“, wie es in der Presseankündigung des Verlags heißt? Oder löst sich der Einzelgänger, geblendet von seinem elitären Kulturverständnis, in der amorphen Gestalt des vielschichtigen Idioten auf? Ein Hinweis auf diese schwindende Gestalt liefert einer der letzen Aphorismen: „Er ging nun FRIEDLICH UND VERWUNDERT unter den Leuten umher. Für sie war er versiegt, das spürte er wohl selbst, die ganze Person war ihnen nur noch zum Übersehen da.“ (S. 175)

Ruhe sanft könnte der Leser sagen, wenn nicht der Bocksgesang von neuem  einsetzen würde.

***

Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit von Botho Strauß, München (Dieterichs Verlag) 2013. 176 S., 20,00 €. ISBN 978-3-424-35088-3