Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden

Thierry Chervel weist auf Perlentaucher auf einen aktuellen Fall von Zensur hin:

Der Berliner Verlag hat eine kritische Auseinanandersetzung mit dem Verleger Alfred Neven DuMont nach der Onlinestellung sang- und klanglos unterdrückt – ohne jede Kenntlichmachung. Soviel zu den „journalistischen Standards“ eines führenden deutschen Medienhauses, das überdies die Chuzpe hat sich in seinem Zensurakt auf eben jene Standards zu berufen. Die Passage steht in Widmanns monatlicher Kolumne „Vom Nachttisch geräumt“, in der der Autor neue Bücher vorstellt. Da es in der aktuellen Kolumne um Spätwerke geht, hat sich Wdmann auch den Roman „Drei Mütter“ seines 86-jährigen Verlegers angesehen. Es handelt sich nur um eine erstaunlich kurze Passage in Widmanns Kolumne, die von der Berliner Zeitung online und der FR gestrichen wurde. Im Grunde verreißt Widmann Alfred Neven DuMonts Roman „Drei Mütter“ nicht einmal. Er schildert ihn als das Werk eines betagten Mannes, der keinerlei Rücksicht auf political correctness mehr nehmen muss und durchaus mit Details inzestuöse Erotik schildert. Allerdings findet Widmann: „Sie sind schlampigst lektoriert. Wer es aber schafft, darüber weg zu surfen, der bekommt Einblicke, die jüngere Autoren einem so lässig, unaufgeregt nicht bieten können.“ Außerdem biete der Roman ja auch ein interessantes Schlüsselloch: „Man blickt in den Gefühlshaushalt eines der entscheidenden Unternehmer der Bundesrepublik.“ Dann kommt diejenige Kritik am Verleger, die zur nachträglichen Unterdrückung des Textes geführt haben mag:  Widmann bekennt, „dass ein Blick in die Bilanzen der Unternehmen seiner Mediengruppe mir noch lieber wäre. Es sieht derzeit so schlecht aus für Zeitungen, dass ich doch ein klitzeklein wenig mehr an Zahlen als an der blauen Blume interessiert bin.“ Und Widmann schließt: „Ein alter Mann hat das Recht auf jede Art von Flucht. Aber hier will einer fliehen und festhalten zugleich. Er will den Konzern lenken und zu den Müttern. Das muss schiefgehen. Nicht nur literarisch.“

Ein Verstoß gegen journalistische Standards? Wenn wie bei der Frankfurter Rundschau 350 Stellen abgebaut werden, würde der Verstoß wohl eher darin bestehen, über den Romane schreibenden Verleger nur Gutes zu sagen.

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