Woyzeck

„WOYZECK: ICH GEH. ES IST VIEL MÖGLICH. DER MENSCH! ES IST VIEL MÖGLICH. – WIR HABEN SCHÖN WETTER, HERR HAUPTMANN. SEHN SIE, SO EIN SCHÖNER, FESTER, GRAUER HIMMEL; MAN KÖNNTE LUST BEKOMMEN, EIN‘ KLOBEN HINEINZUSCHLAGEN UND SICH DARAN ZU HÄNGEN, NUR WEGEN DES GEDANKENSTRICHELS ZWISCHEN JA UND WIEDER JA – UND NEIN. HERR HAUPTMANN, JA UND NEIN? IST DAS NEIN AM JA ODER DAS JA AM NEIN SCHULD? ICH WILL DRÜBER NACHDENKEN.“

In der Gesellschaft, in der der historische Woyzeck am 27. August 1824 wegen Mordes hingerichtet wurde, war kaum etwas möglich. Da deutlich war, daß Woyzeck geistige Anomalien aufwies, wurde ein Gutachten erstellt. In diesem beurteilt ein Dr. Clarus Woyzeck als moralisch verkommen, keineswegs aber als verwirrt. Das Verhalten der neuen bürgerlichen Klasse war streng reglementiert, jede Abweichung wurde geächtet und für die Betroffenen zum Stigma. Die Hinrichtung geriet allerdings für die aufstrebende Leipziger Bürgerschaft zum Spektakel, das schon Wochen zuvor als Ereignis in aller Munde war.

„Sogar Büchners Vater ist mit dem 12-jährigen Louis 1836, also etwa zur Entstehungszeit des“Woyzeck“ in Darmstadt zu einer Hinrichtung gegangen. Viele Schüler, sehr wahrscheinlich auch Georg Büchner, nahmen an anatomischen Praktika (selbst an Frauenleichen) teil, später als Student war das Seziermesser Büchners Handwerkszeug. Die Todesstrafe an dem historischen Woyzeck kann schon allein deswegen nicht Gegenstand von Büchners Dramenentwurf sein, weil auf der Bühne die weibliche Hauptfigur hingerichtet wird – durch Woyzeck. Und dort wo Woyzeck mordet, in der „Urfassung“ gibt es kaum eine „Bürgerschaft“ (weder einen Hauptmann  noch einen Doktor) dafür aber einen Narren. Das obige Zitat aus der 2. Entwurfsstufe gehört zu einer Kette von Hamlet-Anspielungen „Sein oder Nichtsein“, und erst mit der Frage, was Büchners Woyzeck mit Shakespeares Hamlet verbindet, beginnt die eigentliche Woyzeck-Rezeption.“, bestätigt Christian Milz, der parallel einen Artikel auf KUNO veröffentlicht hat.

Heute in der Inszenierung von Roberto Ciulli im Theater an der Ruhr.