Liebe ist kälter als der Tod

Laut Ankündigung des Filmfests München (29.06. – 07.07.2012) wartet auf die Besucher ein cineastisches und kulturelles Extraklasse-Bonbon:

„Das 30. Jubiläum des FILMFEST MÜNCHEN fällt auf den Monat genau mit Fassbinders 30. Todestag zusammen. Das gibt uns die Gelegenheit, mit einer ganz speziellen Hommage an den wohl bedeutendsten Regisseur zu erinnern, den der deutsche Film seit den dreißiger Jahren hervorgebracht hat“, sagt Filmfest-Leiterin Diana Iljine. „Der Titel ‚Die Zärtlichkeit des Rainer Werner Fassbinder‚ soll bewusst im Widerspruch zum verbreiteten Klischee vom Enfant Terrible stehen und daran erinnern, dass es Momente in Fassbinders Filmen gibt, die zum Zärtlichsten gehören, was je auf die Leinwand gebracht worden ist.“

Was bringt ihn, außer der Erwähnung seines 30.Todestages am 30. Mai 2012 einer Klick-gewohnt-action-B-/Hollywood-Generation näher?

Jüngere Besucher kennen ihn diffus vom Hörensagen; ältere eher von den Empörungen die manche Filme auslösten, ideologisch in dieser Sichtweise vereint und vieles nie wirklich gesehen. Selbst für das aufgeklärte Bildungsbürgertum war es nicht einfach, einen Zugang zu finden. Konkretes definitiv zu erzählen wüssten wenige. Mindestens meine Erfahrung bezüglich gewisser Nachfragen im alters- und interessengemischten Bekanntenkreis.

Wolfram Schütte bezeichnete ihn neben Herbert Achternbusch, Alexander Kluge, Werner Herzog und Wim Wenders als das schlagende Herz des neuen deutschen Kinos. Seine kaum zu überbietende Produktivität ist vielen gemein, deren relativ kurze Lebensverweildauer auffällig ist. Fassbinder drehte 44 Filme, mehr als seine Lebensjahre. Michael Curtiz (u.a. Casablanca, insgesamt inszenierte dieser 160 Filme) wollte er nacheifern. Anlässlich der Titelbesetzung in einem Schlöndorff-Film mit 24 wurde er schon darauf verwiesen, dass sein Herz jederzeit zu schlagen aufhören könne. Er selber bezeichnete seine obsessive Besessenheit als eine Art Geisteskrankheit. Er hat 26 Filme selbst produziert bzw. co-produziert; er ist in 21 Filmen anderer Regisseure sowie in 19 eigenen als Darsteller bzw. Gast aufgetreten, hat 14 Theaterstücke geschrieben, 6 neu bearbeitet und 25 inszeniert. Er hat 4 Hörspiele und 37 Drehbücher verfasst und an 13 Drehbüchern mit anderen Autoren zusammengearbeitet. Und verstarb mit 37 Jahren. Mein Bruder bezeichnete Menschen mit dieser wahnsinnigen Hingabe an ihr Tun als eine von zwei Seiten brennende Kerze. Bemerkenswerterweise meinte Fassbinder einmal:

„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“.

Weder Fassbinders Persönlichkeit noch sein Werk lassen sich ideologisch zuordnen und sollte man unterlassen, es ist zu vielschichtig. Seine kritische und gleichzeitig liebevolle Darstellung, seine Zeichnung der Menschen und ihres Lebens war ohne Unterscheidung ihrer Zugehörigkeiten zu bestimmten Milieus in schonungsvoller Konsequenz.  Ein barrierefreier Besessener, der für mich persönlich ein Mosaiksteinchen meines Leben ist; 68er Eltern und just da geboren,  und dieses neue deutsche Kino ein Transportmittel einer neuen Zeit mit den Umbrüchen zwischen Moderne und Verkrustet-reaktionär-konservativ. Seine Darstellungskunst beleuchtet jede Nuance an Menschlichem, sein Interesse richtete sich auf alle Formen menschlicher Existenz, der Fokus seiner Wahrnehmungsfähigkeit und seiner Gestaltungskraft beleuchtete Alte und Junge, Frauen, Männer mit ihren Interaktionen Abgründen und Graukeilen dazwischen. Es gibt kaum ein facettenreicheres künstlerisches Gesamtwerk der deutschen Nachkriegszeit wie das von Fassbinder, welches gleichzeitig den historischen Blick mit einbezieht. Ab dem „Händler der vier Jahreszeiten“ hat er über „Angst essen Seele auf“, „Mutter Küsters Fahrt zum Himmel“ , „Deutschland im Herbst“, „Die Ehe der Maria Braun“, „Die dritte Generation“, „Lola“ und der „Sehnsucht der Veronika Voss“ deutsche Geschichte dokumentiert; mit „Lili Marleen“ ging er in dunklere Zeiten zurück. “Bolwieser“, „Despair“ und „Berlin-Alexanderplatz“ spannten den Bogen zur Weimarer Republik;  mit „Effi Briest“ fuhr er die Zeitreise ins andere Jahrhundert.

Berlin Alexanderplatz, ein Meisterwerk des Neuen Deutschen Films

Den Meisten dürfte RWF durch die 14-teilige Fernsehverfilmung des Romans Berlin Alexanderplatz von Albert Döblin in Erinnerung geblieben sein.

Ich zitiere aus dem Filmlexikon, weil man es nicht besser oder anders ausdrücken kann und archetypisch für sein Arbeiten generell gelten darf:

„In seiner umfangreichen Fernsehverfilmung des sprachgewaltigen Romans von Alfred Döblin (1878-1957) collagiert Fassbinder eine faszinierende, äußerst bildstarke Vision von Stadt und Menschen, eine düstere Reise durch die „dunkle Nacht der Seele“, die sich nah an die Vorlage hält, ohne ihr dabei sklavisch zu folgen. Durch eine äußerst differenzierte, vom Roman losgelöste und trotzdem seine Struktur und Atmosphäre bewahrende Dramaturgie wird er dem Werk und seinen vielfältigen Sprachebenen gerecht. Stil und Ton der Inszenierung wechseln häufig, zahlreiche Bildsymbole verweisen auf die unterschwellig vorhandene Passionsgeschichte.“

Wenngleich eine gewisse historische Aufarbeitung deutscher Geschichte den übersichtlichen Rahmen bildete, so sehr standen letztendlich die Menschen und Gefühle für ihn im Vordergrund, oder menschliche Kraterlandschaften im Wesen Mensch, das sich selber oft nicht kennt. Die Liebe unter der Prämisse des Scheiterns zog sich durch seine Film- und wahrscheinlich auch persönliche Fragewelt.

„Nur über die Sehnsucht jedes einzelnen nach etwas anderem kann etwas anderes entstehen“.

Man fühlt sich bei seinen Filmen durchaus voyeuristisch angezogen um sich fast in gleichem Masse angewidert abzuwenden um noch tiefer zu sehen, bis die Zeit nicht mehr gedehnt werden kann und etwas zerreißt. Er musste nichts imitieren, er war, ist und bleibt authentisch-konsequent. Uns zumutend, was ohnehin existiert.  Seine Filme bilden keine herausgestellten Sequenzen ab, er verwebt Garnrollen des Lebens mit ihren Realitäten, Exzessen und Konsequenzen. Man verzeiht ihm die Fragen, die er provoziert. Erstaunlich wieder sein eigenes Statement bezüglich seines Lebensabends „ich rechne mit keinem“.

Abschließend ein Hinweis auf folgende Ausstellung:

Rainer Werner Fassbinder THEATER ALS PROVOKATION –
Vom 25. Mai bis 09. September im Deutschen Theatermuseum

Neben den zahlreichen Plakaten, Theaterzetteln und Programmen werden Inszenierungs- und Probenmitschnitte sowie Fernsehaufzeichnungen präsentiert. Das Ausstellungsdesign wurde maßgeblich von der Münchner Agentur Klekam von Michael Lingg, erfahren im Bereich der visuellen Kommunikation, gestaltet. Die Tonspezialisten von Klangkosmonauten aus Berlin haben rare Interviewpassagen Fassbinders aus den Anfängen beim action-theater und antiteater digitalisiert und restauriert. Im Henschel Verlag ist quasi als Katalog und Begleitlektüre soeben die aktualisierte und erweiterte deutsche Ausgabe von „Rainer Werner Fassbinder and the German Theatre“ (2005) unter dem Titel „Theater als Provokation“ (2012) erschienen. Mit einem Vorwort von Hanna Schygulla.