Die Ankündigung des Krieges als Ansichtskarte

PJ Harvey hat das Klavier zertrümmert, um aus den Splittern ein Instrument zu bauen, das die Frequenz des Schrapnells empfängt. Das achte Album ist keine Sammlung von Liedern; es ist ein Kiosk an einer verlassenen Küstenstraße in Dorset, wo zwischen verblichenen Zeitschriften die Chronik des Empire als Altpapier ausliegt.

Der Zustand Englands ist der eines Patienten, der seine eigenen Gliedmaßen nicht mehr spürt. Die Künstlerin tritt nicht als Krankenschwester auf, sondern als Pathologin, die das Skalpell mit der Leichtigkeit einer Autohupe führt. Aufgenommen in einer Kirche, aber Gott ist hier nur noch das Echo in den Gewölben, das die Einschläge der Granaten im Schlamm von Gallipoli rhythmisiert. Fünf Wochen reichten aus, um das Skelett einer zweieinhalbjährigen Recherche freizulegen. Wer diese Lieder hört, wird nicht geheilt; er wird geimpft gegen die Illusion des Friedens.

Man betritt diese Stücke wie ein Geschäft für koloniale Beutekunst. Die Autoharp zittert wie das Knie eines Soldaten im Schützengraben. Auszeichnungen – der Mercury Prize zum zweiten Mal, Ivor Novello, Uncut – sind nur die amtlichen Siegel auf den Inventarlisten des Untergangs. Sie hängen an den Wänden wie die Orden von Großvätern, deren Namen niemand mehr fehlerfrei ausspricht. Das Album des Jahres 2011 ist die präziseste Vermessung des Bodens, auf dem wir stehen: Er wackelt nicht erst, er hat längst nachgegeben.

Die Melodien sind von einer grausamen Süße. Sie erinnern an das Pfeifen der Rekruten, die im Frühling 1915 in den Tod marschierten, während die Vögel im Geäst ungerührt weitersangen. Das ist die Dialektik dieses Werks: Je lieblicher der Gesang, desto tiefer frisst sich das Gift des Nationalismus in die Gehörgänge. Es ist die Übersetzung des Schmerzes in eine Sprache, die so klar ist, dass man die Knochen durch die Haut sehen kann.

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Let England Shake, von PJ Harvey, 2011

Weiterführend → Im typischen Gestus junger Dichter hasste Arthur Rimbaud die kleinbürgerliche Enge seiner Vaterstadt, was z. B. in dem satirischen Gedicht À la musique (An die Musik) zum Ausdruck kommt, er ist der erste Rockstar der Poesie.  Jim Morrison und die Grandma des Punk Patti Smith nutzten Musik als Transportmittel für ihre Lyrics. Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet Zappas Mothers of Invention als „politisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill“ wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war Frank Zappa neben Carla Bleys Escalator Over The Hill einer der bedeutendsten und prägendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Komponistin führt uns vor Ohren, dass Improvisation ein gesellschaftspolitisches Idealmodell ist.