Passive Intelligenz

„An manchen Tagen wirst du dermaßen mit Informationen zugeschüttet, dass du kaum noch in der Lage bist zu selektieren.“ Der hochaufgeschossene Junge befleißigte sich wieder einmal seines leicht hochnäsigen Tons. Leicht gekünstelt, immer wieder einen Hauch von amüsiertem Augenhochschlagen bei seinen Altersgenossen erzeugend. Er war Teil einer Jugendgruppe, welche sich in einem sizilianischen Feriendorf einquartiert hatte. Vier Sterne mussten schon sein. Minimum. Privatschüler mit gewissem Standesbewusstsein. Man würde in Zukunft die Geschicke der Gesellschaft mitbestimmen, vielleicht sogar lenken. Die zukünftige Führungselite, das hatten ihnen ihre Eltern in den vergangenen achtzehn Jahren ihres Lebens mit auf den Weg gegeben, eingeimpft. Man würde sich zurechtfinden, Dinge als normal erachten, die anderen als abgehobene Spinnerei oder schlicht Luxus ins Auge stechen mussten, die sich gegen diesen Stallgeruch wehrten und damit automatisch außen vor waren. Man bleibt unter sich, so ist das nun mal. Keine Chance auf Rehabilitation. Der Einstieg in den Aufstiegsaufzug an den anderen vorbei direkt in die Chefetage war dann versperrt. Dazu brauchte es der richtigen Codekarte. Nur wer den richtigen Code kennt, kann die Siegel zur Macht brechen, ohne bestraft zu werden. In einem solchen Fall musste nicht die Ochsentour gemacht werden. Im anderen Fall konnte man nur etwas erreichen, wenn man seine Kreativität zum Motor machte. Zur Grundlage einer eigenverantwortlichen Existenzgründung. Wer seine Ideen patentieren lässt, der wird demnächst König sein, wer seine Slogans, seine erdachten Marken schützen lässt, wird Millionär.

Der junge Herr, welcher hier so volltönend sein schulisches Leid in milder Italienlandschaft in den Abend quakte, hatte sich noch am Abend vorher im fast ohnmächtigen Vollrausch über eine damit einverstandene Mitschülerin hergemacht, nur halbbewusst kaum Herr seiner Sinne. Er hatte sich kurz danach seine Haarpracht wegen eines Versprechens bunt färben lassen. Er wusste ja um die fehlenden Sanktionen egal an welcher Stelle, würde alle Schwächen des Systems immer wieder mit schiefem Lächeln unterwandern, nutzen und ausnutzen. Die Eltern unterstützten ihn, wo sie nur konnten, die Lehrer waren schwach und hatten kaum Möglichkeiten der Sanktionierung, und Stufenkonferenzen waren einfach ein lächerliches Schauspiel, leere Drohkulisse. Jeder junge Mensch, der eine etwas dickere Haut hatte, konnte sich davon nicht im Mindesten beeindrucken lassen. Wo keine ernst zu nehmenden Grenzen vorhanden sind, kann man unbeschränkt durch die Landschaft wandern, ohne Furcht davor, dass irgendwann jemand kommen würde, um aufzuhalten. Die größte Frustration für Jugendliche überhaupt ist die Erkenntnis, dass nicht einmal die Parentalteile auch nur ein geringes Interesse daran haben, wenn etwas Grundlegendes verbockt wird. Entgrenzung macht in diesem Sinne hemmungslos. Man zückt statt einer deftigen Moralpredigt lieber das Portmonee und kommt für den entstandenen Kollateralschaden auf. Die Frisur wirkte unregelmäßig, ein an einen Atlas erinnernder Kopf mit Länderflächen und Linien, die zumindest hier mögliche Grenzen definierten.

Herr Nipp hatte gar nicht richtig hingehört. „Hm?“ „Ich wollte eigentlich nur mitteilen, dass die vielen Eindrücke hier in den malerischen Stätten eigentlich erst geistig verarbeitet werden müssten.“ „Geh, hol dir was zu trinken.“ „ Nein, ich meine, kaum hat man sich von einer Sensation erholt, drängt sich eine neue auf. Das Gehirn kann gar nicht genug von dieser Kulturdroge Sizilien bekommen und schwingt sich von einem Dopamin gesteuerten Höhepunkt zum nächsten.“ In solchen Situationen, wenn junge Menschen ernsthaft Begeisterung zeigen, sollte man als Erwachsener doch etwas vorsichtig sein.  Auch Herr Nipp war fast übersättigt von den vielen Strapazen der letzten Tage und legte sich räkelnd im Bus zurück, er wusste schon jetzt, dass spätestens in zehn Minuten die ersten eine kalte Dose Bier im Gesicht haben würden. Selig daran nuckelnd, als seien es die Einschlaffläschchen mit warmer Milch von vor siebzehn Jahren. Die Busse rollten durch eine sich langsam verdunkelnde Landschaft. Wenn sie vor der tiefen Nacht wieder in ihrer Wohnanlage ankamen und etwas zu essen bekamen, war alles okay. Hinten hörte Herr Nipp zwei Jungen über Intelligenz reden: „Passive Intelligenz ist, wenn man einfach dumm ist.“

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, veröffentlicht auf KUNO zwischen 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.