Der ewige Hitlerjunge

 

„Beuys’ Vorstellung von Politik als „sozialer Plastik“ ist patriarchal bis ins Mark. Seine Utopie einer „organischen“ Gesellschaft schlägt durch in einer Materialsemantik, die wenig demokratische Transparenz verrät. Die Gemeinschaft transfiguriert zu Filz, der Wärme bewahrt; ihre Kommunikation wirkt wie Kupfer, das Energie leitet; ihr kollektiv erarbeiteter Mehrwert ist Fett, in dem Energie gelagert wird. Als Währung zirkuliert der Honig in diesem alternativen Nachtwächterstaat, dessen Subjekte sich gegenseitig versorgen wie ein Bienenvolk. So ein Gesellschaftsideal erinnert fatal an den Ständestaat, wie er etwa in Österreich als nationalkonservative, katholische Konkurrenz zum deutschen Nationalsozialismus von 1933 bis zum Anschluss ans Deutsche Reich für fünf Jahre bestand. Das austrofaschistische Emblem des Kruckenkreuzes sieht Beuys’ Symbol des Braunkreuzes nicht unähnlich. Die Rede vom „Volkskörper“, mit der der Hitlerjunge aufgewachsen war, sollte der Künstler zeit seines Lebens nicht ablegen.“

Beat Wyss 2008 in Monopol, Magazin für Kunst und Leben

 

 

 

1976 trat Beuys als Kandidat für die nationalistische Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher an. Der Regisseur Andres Veiel sieht in Beuys‘ Zusammenarbeit mit einem ehemaligen SS-Mitglied und seinen Abenden mit alten Kriegskameraden eine ‚Transformierung der Katastrophe‘ und eine ‚Möglichkeit, sich von den Schatten der Vergangenheit zu befreien.‘ Ging Beuys also zu Kameradschaftsabenden seiner Luftwaffeneinheit, wo er sich lachend mit ihnen fotografieren ließ, nur, weil er sie zu aufrechten Demokraten bekehren wollte?

Weiterführend →

Joseph Beuys hat den Kunstbegriff erweitert. Auch der Literaturbegriff gehört erweitert. Bestand die Modernität des Aphorismus bisher in der Operativität, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Spätmoderne. Es ist Twitteratur.

→ ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur.

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