Back to Black ist das vollkommenste Soul-Album der 1960er Jahre, weil es die Zeit nicht kopiert, sondern ihre Trümmer in die Gegenwart rettet.
Der Soul der sechziger Jahre war kein Museum, sondern Treibstoff. Winehouse tankt an den Zapfsäulen von Stax und Tamla-Motown, aber ihr Motor läuft mit dem bleifreien Zynismus der Gegenwart. Wo die Supremes noch elegant um Liebe flehten, verhandelt sie bereits die Bedingungen ihrer Selbstzerstörung. Der Rhythmus ist nicht Retro; er ist das Ticken einer Zeitbombe, die im Takt von Rehab schlägt.
Wer Back to Black hört, betritt ein Fundbüro der verlorenen Illusionen. Die Arrangements spiegeln die Phil-Spector-Produktionen wider, doch der Glanz ist matt geworden. Zwischen den verhallten Trommeln und den weinenden Streichern liegt der Staub von Londoner Pubs. Das Album klagt nicht an, es stellt fest. Es nimmt den unschuldigen Schmerz der sechster Jahre und gibt ihm die bittere Erfahrung einer Frau zurück, die zu viel gesehen hat.
Dieses Album ist keine Antiquität. Es ist die Dialektik des Pop: Erst indem Winehouse die Musik sechzig Jahre zurückwarf, katapultierte sie sich an die Spitze der Moderne. Sie verweigert den Fortschritt der digitalen Glätte. Ihr Soul ist physisch, feucht von Tränen und riecht nach Rauch.
Man kann von diesem Album nicht zurückkehren. Wer You Know I’m No Good gehört hat, kann die Unschuld der frühen sechziger Jahre nicht mehr reparieren. Amy Winehouse hat das wahrscheinlich beste Soul-Album jenes Jahrzehnts geschrieben, weil sie dessen utopischen Kern – die Erlösung durch den Gesang – in der absoluten Trostlosigkeit der Gegenwart überprüfte. Sie hat die sechziger Jahre vollendet, indem sie an ihnen zerbrach.
Amy Winehouse hat mit Mark Ronson kein historisches Dokument gefälscht. Sie hat die akustische Architektur einer Epoche – die Wand des Klangs, die Bläsersätze von Motown, die Melancholie der Girl Groups – wie eine Ruine freigelegt und sie mit den schmutzigen Wahrheiten des 21. Jahrhunderts bewohnbar gemacht.
***
Back to Black von Amy Winehouse, 2006
Weiterführend → Angelegentlich ein Hinweis auf Soul-Punk. Früher als Peter Glaser hat kaum jemand die Bedeutung von Peter Hein erkannt. Lesen Sie auch seinen Essay Attrappe einer Kulturgeschichte von neulich. Zu Monarchie und Alltag gibt es einen Bericht zur Lage der Detonation.