Schreibtisch

„Manchmal sitzt du am Schreibtisch und weißt nichts mit dir anzufangen und mit jeder Minute wird der Berg größer im Verhältnis zur Zeit, die noch zur Verfügung steht diesen Abend, und irgendwann durchbrichst du das Band und weißt dann plötzlich, dass die Energie, die man zum Vertrösten und nach hinten Schieben gebraucht hat, viel besser hätte für die Arbeit nutzen können.

Und jetzt setze ich mich auch dran, an die Arbeit und werde wohl glücklich sein, wenn sie beendet ist. Vielleicht sollte ich mir aber auch noch einen Kaffee kochen, vielleicht noch die Packung mit dem Partymix aufmachen, weil ich weiß, dass da irgendwelche Gebäckteile mit Käsegeschmack und viel Glutamat zu finden sind. Und dann rufe ich noch kurz irgendwen an oder vielleicht auch zwischendurch, wenn der Dschungel zu dicht wird und die Machete stumpf, dann werde ich während des Gesprächs die Klinge wetzen, werde die letzten Kräfte sammeln und durch die letzten Kilometer unerforschten Gebietes stapfen, werde den wilden Tieren und Unwägbarkeiten in die Augen blicken, werde sie bändigen und mir zunutze machen. Ich werde barfuß durch die Sümpfe waten und wissen, welche Egel und andere Geziefer dort auf mich lauern. Ja, am Ende werde ich angekommen sein und tabula rasa.“ So oder ähnlich dachte Herr Nipp, als er sah, was sich da so auf dem Schreibtisch tummelte.

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.