Gedankenfreiheit

Versprochen zu helfen, war er auch vorgefahren, ganz pünktlich allerdings konnte der Termin nicht eingehalten werden. Er machte sich bereits Gedanken, dass er zu spät kommen würde. Eine Ausrede war sein Ding nicht. Schließlich konnte nicht alles so geregelt werden, wie man es sich vorstellte. Gegen viertel nach drei traf er ein, die Werkstatt verschlossen. Wirklich niemand zu sehen, kaum zu glauben eigentlich, das war er schließlich nicht gewohnt, dass auch andere sich verspäten konnten. So ging er hinüber zur Druckerei, sprach einige Takte mit dem Besitzer, patenter Mann, der sich eigene Gedanken machte und die auch aussprach. Nicht immer politisch korrekt, immer aber intelligent und ehrlich. Herr Nipp schätzte solche Menschen, denen der klare Geradeausblick schon ins Gesicht geschrieben stand. Da musste man sich auch nicht unbedingt rasiert zeigen, und die Hose zeigte Flecken von Druckerschwärze. Der Mann machte nicht nur die Büroarbeit und war einer dieser Schlipsträger, die sich völlig von der manuellen Arbeitswelt entfernt haben. Wenn Not am Mann war, konnte er noch den ganzen Tag an der Maschine stehen und dafür sorgen, dass die Massendrucksachen auch fertig wurden. Er konnte die Papierqualität fühlen und wusste, wie sich die Presse anhörte, wenn etwas nicht stimmte. Hatte von der Pike auf gelernt und einen eigenen Betrieb aufgebaut. Dem wiederum konnte Herr Nipp nur Respekt zollen. Er kam gerne und meist nahm sich der Chef auch die Zeit, eine halbe Stunde zu reden, so von Spinner zu Spinner, Gedankenspinner.

Irgendwann fuhr dann aber doch der Wagen des Schmiedes vorbei und Herr Nipp zog sich auf den Hof der Werkstatt zurück. „Nein, der ist noch auf Montage, kommt erst in einer halben Stunde.“ Herr Nipp setzte sich in seinen Wagen und schloss die Augen, während im Radio Deutschlandfunk irgendeine Kultursendung lief. Tatsächlich stand nach einer Dreiviertelstunde auch der Chef am Wagen: „Typisch, überall wo du sitzt, da schläfst du auch.“ Beduselt öffnete er die Augen und war mit einem Male hellwach, hatte die Situation erfasst. Packte sich seine Tasche, Fotoapparat. Zog die Schuhe mit Stahlkappe an, man konnte nie wissen. Die Arbeit wurde zugewiesen. Metallplatten auf der langsamen und wassergekühlten Kreissäge schneiden und die Grate abschleifen. Bandschleifer. Den gesamten Nachmittag verbrachte er im Wechsel zwischen den beiden Werkzeugen, machte sich seine Gedanken. Ball flach halten und niemanden auf die Idee kommen lassen, wie es sich verhält.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Außerdem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist Mikroblogging eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein.

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