Als das Wünschen noch geholfen hat … plante Rory Gallagher ein Album mit akustischen Songs… dies wurde nach seinem Tod von seinem Bruder Dónal Gallagher und verantwortungsvollem Nachlassverwalter zusammengestellt. Unterstützt wurde er dabei von dem Produzenten und Toningenieur Tony Arnold. Gemeinsam sichteten sie Rorys Archivmaterial aus den Jahren 1974 bis 1994, um diese vorab unveröffentlichten Aufnahmen im Jahr 2003 herauszubringen.
Meist erstarrt die Musik verstorbener Legenden in der Sekunde ihrer Veröffentlichung zu einem musealen Artefakt. Sie wird zur bloßen Denkmalpflege, zum glattgebügelten Archivprodukt einer Kulturindustrie, die den Tod eines Künstlers als finale Absatzmöglichkeit begreift. Doch das 2003 von Dónal Gallagher zusammengestellte Akustik- und Folk-Album Wheels Within Wheels bricht radikal mit diesem Gesetz der ästhetischen Erstarrung. Auf diesen akustischen Pfaden erweist sich die Platte endgültig nicht als musealer Rückblick, sondern als lebendige Aktualität.
Das Album wird Rory Gallagher gerade deshalb gerecht, weil es ihn von der Last seines eigenen Mythos befreit.
Der akustische Resonanzkörper zwingt Rory Gallagher zur Einkehr. Es ist die radikale Verweigerung des vordergründigen Effekts. Indem das Album die intimen Archivaufnahmen aus den Jahren 1974 bis 1994 versammelt, legt es das verletzliche, suchende Fundament des Musikers frei. Gallagher betreibt hier keine Denkmalpflege des Delta-Blues; er holt die Geschichte in die Gegenwart. Der irische Melancholiker zieht sich hier in die Intimität der Holzgitarre zurück, doch diese Stille ist nicht friedlich – sie ist geladen. Der Verzicht auf den Verstärker entblößt die nackte Mechanik des Spiels. Jeder Griff auf das Griffbrett, das Rutschen der Finger über die Wicklungen der Stahlsaiten wird zu einem haptischen Ereignis, das die Distanz zwischen Hörer und Musiker vollständig aufhebt. Der Strom ist abgeschaltet, aber die Spannung steigt. Es ist die Erleuchtung des Raums durch das rohe Material.
Die Songs stammen aus privaten und Studio-Archiven der Jahre 1974 bis 1994.
Wheels Within Wheels ist kein nostalgisches Archiv, sondern ein dialektisches Bild. Wer im Blues nur die museale Erinnerung sucht, betreibt Leichenschändung an der Geschichte. Diese akustischen Stücke lagern nicht im Staub der Vergangenheit; sie springen uns an. Sie besitzen die „lebendige Aktualität“, die das Gestern im Schock des Moments zertrümmert. Wenn Gallaghers Bottleneck über die Saiten reißt, ist das kein Zitat alter Meister aus dem Mississippi-Delta. Es ist der Blitz, der die Vorgeschichte der Ausbeutung und des Schmerzes direkt in das Mark der Gegenwart einschlagen lässt. Ein Song wie „Flight to Paradise“ im Zusammenspiel mit dem Flamenco-Gitarristen Juan Martín oder die Kollaboration mit The Chieftains bei „Bratacha Dubha“ zeigen keinen suchenden Dilettanten, sondern einen Künstler, der verstanden hat, dass der Blues, der irische Traditional und der Flamenco aus derselben Quelle der existenziellen Sehnsucht speisen.
Auf diesem Album finden sich Raritäten, wie „Flight to Paradise“. Ein Zusammenspiel mit dem Flamenco-Gitarristen Juan Martín.
Die Uhr der Historie schlägt linear, doch die Musik bricht das Zifferblatt auf. In den konzentrischen Kreisen von Wheels Within Wheels – Rad in Rädern – wird die Zeit zyklisch und explosiv zugleich. Gallagher komponierte die meisten der eigenen Stücke auf dem Album, darunter den Titeltrack Wheels Within Wheels, Flight to Paradise (zusammen mit Juan Martín), Lonesome Highway und das bereits von Studioalben bekannte Barley & Grape Rag sowie Goin‘ to My Hometown. Dazu gesellen sich traditionelle irisches Stücke wie Bratacha Dubha und She Moved Thro‘ the Fair. Daneben finden sich Interpretationen des Bluegrass-Klassiker Blue Moon of Kentucky von Bill Monroe, der Song Walkin‘ Blues, der in dieser Form maßgeblich auf die Blues-Pioniere Son House oder Robert Johnson) zurückgeht. Tony Joe White schrieb den Song As the Crow Flies (ein Track, den Gallagher Zeit seines Lebens liebte und oft live spielte).
Weniger überraschend als berührend ist „Bratacha Dubha“, ein traditionelles irisches Stück, eingespielt mit der Folk-Gruppe The Chieftains.
Die Geschichte wird in die Gegenwart geholt, nicht als Fortsetzung, sondern als Konfrontation. Der Blues erweist sich hier als das Medium, das die Zeit anhält, um sie neu zu montieren. Es ist das Gegenteil von Fortschritt: ein insistence, ein Verharren auf dem Grund des menschlichen Leidens, das sich weigert, im Lärm der Moderne unterzugehen. Die Vergangenheit wird im Moment der Jetztzeit lesbar. Wenn das Holz der Gitarre unter dem Druck der Finger ächzt, splittert die Fassade der technisierten Welt. In diesem Moment der höchsten Reduktion blickt uns die Geschichte des Blues an – nicht als ferne Chronik, sondern als brennende Signatur des Augenblicks. Gallagher entfacht im Verzicht eine messianische Unruhe. Das akustische Holz ist die Barrikade gegen das Vergessen; auf seinen Saiten wird die Vergangenheit nicht erinnert, sie findet statt.
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Wheels Within Wheels, von Rory Gallagher, 2003

„Die Totenmaske des Erlebnisses ist die Erinnerung.“ (Walter Benjamin)
Weiterführend → Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. KUNO betrachtet die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der Americana. Weiterführend eine Denkübung zum tiefgründigen Folk-Song: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim. In der Reihe mit großen Blues-Alben hören wir den irischen Melancholiker. Lauschen dem Turning Point, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den Swordfishtrombones, von Tom Waits und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter Blueser?