Warum noch Gedichte?

“Es war, als träte ich ins Manuskript ein…”
(Dürrenmatt, Justiz)

Was wissen wir schon von einem Gedicht?! Wir wissen nicht einmal, welches Wetter bei seiner Entstehung dominierte. Nur ein wenig Sensibilität des jeweiligen Autors scheint registrierbar. Aber was besagt dies eigentlich?! Empfindlich sind wir alle. Empfänglich sind die wenigsten. Zumindest für die feineren Reize. Und zu denen zählen zweifelsohne Frauen und Gedichte. Allerdings muss es hierbei eine Unterschiedlichkeit geben. Wer hätte nicht schon eine Frau bedichtet?! Aber wer befraut schon ein Gedicht?! Obwohl auch dies nicht uninteressant sein dürfte!

Warum schreiben wir Gedichte?

Nun soll also das Gedicht wirksam werden. In fast schon therapeutischer Hinsicht. Missbraucht wird es offensichtlich ohnehin und stets. Wie lieβe sich nun Dichten ohne Ballast praktizieren?! Könnte das Gedicht dem vorbeugen, wozu es sonst missbraucht werden könnte?! Man versteht Logik? Wie lieβe sich etwas verhindern, zu dessen Beseitigung man genau das bräuchte, was seine Verhinderung nicht bewerkstelligen konnte?! Oder: Warum schreiben wir Gedichte?! Könnte durch das Schreiben eines Gedichts das Schreiben eines Gedichts verhindert werden?! Dies ist die epochale Frage. Oder werden Gedichte womöglich auch noch aus anderen Gründen geschrieben, als andere Gedichte zu verhindern?!
Es ist Zeit für Erschütterung. Nicht eigentlich, was die Thematik angeht. Nein, hinsichtlich der Aktivitäten. Die Reflexion wird allerorten diskreditiert. Mit Argumenten, die keine mehr sein können, weil sie sich in der Gesamtschau einander aufheben. Aber das stört die Fraktionen nicht. Man reklamiert Verletzlichkeit. Man schafft originelle Tabus. Man verausgabt sich, um ein neuartiges Konzept von Parasitentum zu rechtfertigen.

Literatur ohne Einmischung?

Die Literatur hat den Status erlangt, legitim verausgabt sein zu dürfen. Man erwartet bestenfalls Innovationen, aber keine Einmischung mehr. Die Literatur multipliziert sich zu sehr. Dadurch wird sie parzellierbar, isolierbar, angreifbar, beherrschbar. Und so ist sie in kommunikationstechnischer Hinsicht unter das Niveau schlechtbeleumundeter Geheim-Diplomatie geraten. Die Objektivierarbeit von irgend etwas, geschweige denn von Aussagen, wurde wegrationalisiert. Als unmodern und unzweckmäβig erklärt. Das Subjektive ist mit postmoderner Endgültigkeit zum alleinigen und unversöhnlichen Maβstab erkoren. Jeder sein eigener Kosmos. Bis zur Realitätsverleugnung. Verständigung ist plötzlich nur noch dadurch möglich, dass man alles gelten lässt. Die Beliebigkeit wird zur neuen Orthodoxie.

Dennoch stellt sich kein Gefühl der Freiheit ein. Man ist mit kalkulierter Freizügigkeit zufrieden. Das gesellschaftliche Leben wird in seiner Relevanz minimalisiert. Zusammenkünfte haben längst nur noch rituellen Charakter. Die Literatur erhält dort, wo sie toleriert wird, Weihefunktion. Der Autor ist für eine Stunde Charismatiker, bis man ihn am Kneipentisch wieder auf seine Banalität zurückstuft. Notwehr und ihr Vorwurf sind somit programmiert. Womit wir, wie so häufig, bei der Frage nach Beschäftigung und Sinn derselben, beim Schriftsteller wären. Er kann observieren und bedauern, kommentieren und fordern, stänkern oder belobigen. Jedenfalls ist der Schriftsteller immer ein Zuspätgekommener. Er kann noch so früh aufstehen – immer findet er schon Ergebnisse vor. Der Schriftsteller dringt nicht bis zu den Verantwortlichkeiten vor. Aus diesen Grund ist wohl die Sublimationshypothese bezüglich der schriftstellerischen Betätigung in die Welt gesetzt worden. Bösartige oder naiv-wohlmeinende Kritiker mögen sie konstruiert haben. Als Alibi für sich selbst, um das Tun eines Schriftstellers auf die ganz banale Art erklären und gegebenenfalls belächeln zu können.

Sublimieren beim Schreiben?

Der Schriftsteller, dem Sublimation unterstellt wird, befindet sich in der Situation desjenigen, der verhaltensauffällig wurde und dem man  verspricht, dass er gleich auf schonende Weise abgeholt werde. Und man werde ihn irgendwo verwahren, wo er vor sich selbst in Sicherheit sei. Musste denn die Demütigung so weit gedeihen?

Bis die Schriftsteller bemerkten, dass man sie in die Mitleids-Oase abgeschoben hatte, war es schon sehr spät. Nun galt es wirksame, aber auch unverdächtige Strategien zu entwickeln. Nichts ist schwieriger, als sich von den Vorwürfen anderer zu befreien, ohne sich neuerlich zu belasten. Es galt, etwas Prinzipielles klarzukriegen: Etwas Begreifenswertes begreifen und etwas, was einem die Neider des Begreifens und der jeweiligen Problematik missgönnen – das wäre sowohl Thema als auch Triumph. Zu begreifen gilt es, dass man Schriftsteller nicht aus einem Defekt heraus wird. Die Frage ist, ob es eine Prophylaxe gegen überflüssige Unterstellungen gibt, damit man als Schriftsteller seine eigentliche Arbeit tun könne.

Schlieβlich wird man nicht Schriftsteller, um sich dann zu rechtfertigen, dass man einer ist. Wobei diese Rechtfertigung keinerlei Schwierigkeiten bereiten würde. Eigentlich wird sie sowieso durch die Praxis des Schreibens geleistet. Es gilt klarzumachen, dass der Schriftsteller uneigennützig und bei klarem Verstand ist. Dass seine Begehrlichkeit immer Stellvertreter-Gefechte sind. Er schreibt nicht, weil ihm etwas fehlt, sondern weil er feststellt, dass der Menschheit zu vieles vorenthalten wird.

Ein Schriftsteller ist eigentlich immer in der Offensive. In dem Moment, da der Schriftsteller seine Funktion erkennt und akzeptiert hat, muss er sich seine Zeit und seine Energie geflieβentlich einteilen. Er will ja nicht nur Geld verdienen, sondern vor allem auch gehört werden. Ablehnung kann ihn trotzig machen, aber nicht stärker. Mit Nützlichkeits-erwägungen allein kommt man der Zweckbestimmung der Schriftstellerei nicht bei. Schriftsteller bleiben – im richtig verstandenen Sinne – immer Parasiten in Gesellschaften, die auf Kapital oder Ideologie getrimmt sind. Die Gesellschaft muss ihre Mahner und Warner mitfinanzieren – anders geht es nicht. Schriftsteller sind auf Solidarität und Interaktion angewiesen. Von Seiten der Gesellschaft und auch untereinander.

Der Schriftsteller als Künder und Utopist

Damit sich jeder Schriftsteller möglichst umfangreich seiner eigentlichen Aufgabe widmen könne (nämlich: dass das Leben angenehmer werde), bedarf es wahrscheinlich einer interaktionistischen Sublimationsprophylaxe. Was so kompliziert klingt, ist in realiter etwas ganz Banales: die Schriftsteller müssen in gewisser Weise zusammenhelfen, dass ihr Schreiben nicht nur die Frustration über bestimmte Zustände artikuliert, sondern dass es sich darum bemüht, Ursachen aufzudecken und Strategien mitzuentwickeln hilft, die Ursachen für Missstände zu erkennen und zu beseitigen. Darüber hinaus ist der Schriftsteller Künder und Geburtshelfer von Utopien. Dass man sich über Utopien verständigt, ist eigentlich selbstverständlich. Die Schriftsteller können dies in Essays tun – oder eben in Gedichten! Dies klingt in sich auch utopisch. Ist es aber viel weniger als notwendigerweise praxisorientiert.

Warum sollte nun gerade ein Gedicht interaktionistisch und sogar prophylaktisch wirken können? Und dies zunächst nur oder auch sogar personenbezogen im Rahmen der schriftstellerischen Bedürftigkeit. In jedem Falle stellt ein Gedicht etwas fest. Bringt etwas auf einen Ausdruck. Macht etwas, das nur für einen auffällig war, für viele auffällig. Lädt zu sich ein. Zu einer Beschäftigung, einem Sich-Einlassen. Wenn dies mehrere tun, ist schon der erste Schritt zur Interaktion getan.

Kein Text ist wirkungslos

Dass man dann Texte bespricht, wäre der zweite Schritt. Dass einem die Texte selbst und das Sprechen darüber helfen könnte, führt unmittelbar zur Prophylaxe. Kein Text ist wirkungslos. Ebensowenig wie ein Umgang mit Texten. Der Schriftsteller hilft sich selbst am meisten, wenn er anderen hilft. Lesern oder Schriftstellerkollegen. Es geht ja darum, Sublimation und deren Verursachung zu vermeiden. Wem es tatsächlich nur um Sublimation ginge, der dürfte nicht schreiben. Es ist nicht legitim, andere mit den eigenen Defiziten und Frustrationen zu belästigen. Wer schreibt, muss etwas zu geben haben. In einem Gedicht konzentriert sich jeweils ein Angebot, welches zu einer Kommunikation mit Perspektive beiträgt. Die wirksamste subjektive Sublimationsprophylaxe ist das Aufzeigen einer objektivierbaren, plausiblen Perspektive.

Der Autor muss also “ins Manuskript eintreten”, wenn er sich und seinen Lesern etwas Konkretes anbieten will. Die ganze Verherrlichung der assoziativen Schreibweisen in Lyrik und Prosa führt letztendlich auch zur Orientierungslosigkeit, was die Schreibabsicht anbetrifft. Die mehr oder weniger logische Konsequenz daraus ist die Frustration bei Autor und Leser. Es ist sozusagen die Multiplikation einer ursprünglich beim Autor empfundenen Frustration zu einem Produkt im doppelten Sinne. Nicht nur der Leser, auch der Autor ist hier zu bedauern.

Warum fehlt der Mut, den “positiven” Menschen zu zeigen?

Die Frage nach der Alternative ist hoffentlich legitim. Und eine Beantwortung möge nicht anmaβend empfunden werden. Es ist im Grunde ganz einfach: Ein Autor, der “nichts zu sagen” hat, sollte auch nicht schreiben. Wer darüber hinaus nur zur eigenen Sublimation schreibt, um anderen den Vorgang der Sublimation als ohnehin unvermeidlich schmackhaft zu machen, versündigt sich quasi an den Möglichkeiten des Schreibens.

Schreiben sollte dazu dienen, Sublimationsanlässe von vornherein zu vermeiden, eben prophylaktisch wirksam zu werden. Individuelle Existenz, gesellschaftliches Zusammenleben und die daraus erwachsenden bzw. darauf bezogenen Äuβerungsformen von Menschen – z.B. eben auch das Schreiben – können keinem vornehmeren Zweck dienen, als Enttäuschungen zu vermeiden, statt sie zu ritualisieren. Der Typus des “Versagers” muss wieder aus unseren Köpfen und aus der Literatur verschwinden, weil er als Orientierungsfigur in den Fatalismus führt.

Warum fehlt uns der Mut, den “positiven” Menschen zu zeigen?

 

 

 

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Poesie zählt für KUNO zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur

Weiterführend Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in Äquidistanz.

1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als Laboratorium der Poesie

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