Das Prinzip der Auslage

Die einzig wahren Fleetwood Mac entstanden 1967 um Peter Green, Mick Fleetwood, John McVie und Jeremy Spencer.

Wer im Blues von Peter Green nur die sklavische Nachahmung Chicagoer Vorbilder sieht, verkennt die architektonische Verschiebung, die hier stattfand. Der Blues der amerikanischen Baumwollfelder wurde in den Londoner Vororten umgetopft. Er verlor seine geografische Unschuld. Wenn Peter Green seine Gitarre weinen ließ, besang er nicht den Mississippi, sondern den grauen Asphalt von Battersea. Diese Transformation – die Aneignung einer fremden Kultur, um das eigene, von Industrierauch verhangene Seelenleben auszudrücken – ist das Fundament des Britpop. Es ist der Hochmut des Proletariats, das sich den Luxus des Weltschmerzes gönnt.

Es war die Geburtsstunde einer spezifisch britischen Melancholie, verpackt in urbane Coolness.

Das selbstbetitelte Debüt erschien 1968; es wird von Kennern auch Peter Green’s Fleetwood Mac genannt. Die britische Formation Fleetwood Mac zählt zu den erfolgreichsten Rockbands überhaupt. Mit Tracks wie “Albatross”, „O Well“ und “Man Of The World” gelangen ihnen schon zu Beginn ihrer Karriere Tophits. Puristen ist die Ära mit Gitarren-Legende Peter Green die liebste – zu Recht.

Britpop ist ein Kostümball. Die Ur-Fleetwood-Mac trugen ihre Arbeiterherkunft wie ein Banner und kombinierten sie mit dem Dandyismus der Londoner Clubs. Noel Gallagher hat diesen Blick später auf den Tribünen der Stadien perfektioniert.

Wer eine Anthologie betritt, geht nicht durch ein Tor, sondern blickt durch ein Schaufenster. Die Anordnung der Stücke folgt nicht dem Gesetz des Wachstums. Was hier ausgestellt ist — „Albatross“, „Oh Well“, „Man Of The World“ —, sind keine Stationen einer Entwicklung, sondern Fundstücke einer Havarie. „Albatross“ ist kein Lied, es ist eine optische Täuschung für die Ohren. Ein einziger, gedehnter Akkord, der den Nebel über dem Ärmelkanal hörbar macht. Es ist dieselbe psychedelische Weite, die The Verve in „Bitter Sweet Symphony“ suchten. Fleetwood Mac bewiesen 1968, dass man die Spitze der britischen Charts erobern kann, ohne zu schreien. Sie lehrten eine ganze Generation von britischen Musikern, dass die größte Radikalität in der totalen Entschleunigung liegt. Das „Best Of“ ist das Album der Katastrophe, die Bilanz eines Schiffbruchs, der im Moment seines Schönsten bereits vollzogen war. Peter Green, der den Namen der Band aus den Namen der Rhythmusgruppe — Fleetwood und McVie — zusammensetzte, vollzog im Akt der Namensgebung bereits die eigene Enteignung. Das „Best Of“ dokumentiert diese Geste: Es ist das Testament eines Mannes, der seinen eigenen Nachlass verwaltet, noch bevor er das Zimmer verlassen hat.

Der Blues der frühen Jahre ist kein Importgut, sondern ein britisches Transitlager. Green kopiert nicht die Meister des Mississippi; er übersetzt ihre Armut in die Feuchtigkeit Londoner Keller.

„Albatross“ ist ein Zustand der Schwerelosigkeit, die ganz aus Blei gegossen ist. Die Gitarre fliegt nicht, sie treibt wie Treibgut auf einem Kanal, der keine Mündung kennt. Es ist das einzige Instrumental, das die Stille nicht bricht, sondern verlängert.

„Oh Well“ berschreibt den Riss im Gefüge. Der erste Teil ein nervöser, synkopierter Sprint, der abrupt an einer Wand haltmacht; der zweite Teil eine pastorale Meditation, die wie eine Ruine in der Landschaft steht. Hier wird das Prinzip der Montage hörbar: Das Lied ist nicht aus einem Guss, es ist zusammengefügt wie die Fragmente eines zerbrochenen Tellers.

„Man Of The World“ ist ein intimes Geständnis, verkleidet als Schlager. „I guess I’ve got everything I need“, singt einer, dessen Stimme bereits aus der Emigration des eigenen Geistes kommt. Die Sinnfälligkeit dieser Kompilation liegt darin, dass sie den Hörer zwingt, den Niedergang als Aufstieg zu lesen.

Was ging verloren zwischen 1967 und 1994?

Fleetwood Mac hinterließen eine Spur aus Brotkrumen. Das Riff von „Oh Well“ ist der direkte Vorfahr jeder stolzierenden Gitarrenlinie von Blur. Es besitzt diese typisch britische Arroganz: schwerfällig im Rhythmus, aber von einer messerscharfen, melodischen Eleganz im Abgang. Es ist Musik, die mit hochgeschlagenem Kragen durch den Regen geht. Peter Green, Mick Fleetwood, John McVie und Jeremy Spencer begannen als Blues-Puristen und endeten als Erfinder einer neuen, britischen Melodik. Sie nahmen den Blues und entzogen ihm die Hitze des Südens, um ihn mit der kühlen, introspektiven Luft Londons zu füllen.

Wahre Kenner verlangen nach den Originalalben von 1968, nach dem Schmutz der Chronologie.

Puristen verkennen, dass die Wahrheit einer Epoche oft erst in ihrer Destillation erscheint. Das „Best Of“ isoliert das Genie vom Ausschuss des Studioalltags. Es reinigt die Spur. Aber diese Reinigung ist unheimlich: Sie zeigt uns eine Band, die im Zustand permanenter Überforderung Meisterwerke schuf. Die spätere, die amerikanische Ära der Band — die Epoche des gigantischen Erfolgs im kalifornischen Licht — verhält sich zu dieser britischen Ur-Zelle wie das Großbildkino zum Guckkasten.

Dort die lückenlose Sättigung, hier die erlesene Armut, die jeden Ton wie eine Kostbarkeit wägt.

Wer diese Sammlung hört, betritt eine Einbahnstraße, an deren Ende kein Wendeplatz wartet, sondern der Ausstieg des Meisters in die Dunkelheit des eigenen Schweigens. Die Stücke stehen nebeneinander wie Häuser in einer verlassenen Straße: Jedes hat seine eigene Fassade, aber unter dem Pflaster fließt derselbe, dunkle Strom. Das Best-Of-Album ist die einzig adäquate Form für Peter Greens Fleetwood Mac, weil es die Zersplitterung nicht leugnet, sondern sie zur Methode erhebt.

 

 

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The Best Of Peter Green’s Fleetwood Mac erschien am 11. November 2002 auf CD

Die von Mike Vernon zusammengestellte Werkschau wurde über Columbia Records veröffentlicht und diente als digital remaster. Das Remastering sowie das gesamte visuelle Artwork nutzt dieselben historischen Studioaufnahmen und das gleiche gestalterische Layout, unterscheidet sich jedoch farblich und im Titel von der Box The Complete Blue Horizon Sessions 1967–1969.

Hier findet sich „Oh Well“ 1& 2. Während Part 1 eine prägnante Stop-and-Start-Technik nutzt. Das peitschende Gitarrenriff stoppt abrupt, woraufhin Peter Green völlig unbegleitet (A cappella) kurze, desillusionierte Textzeilen singt („I can’t help about the shape I’m in…“). Erst nach den Vocals bricht die Band wieder mit voller Wucht herein. Peter Green betrachtete Part 2 als den eigentlich wertvolleren, anspruchsvolleren Teil des Werks. Die laute erste Hälfte war für ihn anfangs nur ein „Wegwerf-Riff“, das den Übergang zu diesem tiefgründigen Instrumental einleiten sollte. Das düstere „Man of the World“ und das riffgeladene, prophetische „The Green Manalishi (With the Two Prong Crown)“ spiegelten Greens psychische Krise wider, bevor er die Band im Mai 1970 endgültig verließ. Neben den essenziellen Meilensteinen der Peter-Green-Ära enthält die CD auch Besonderheiten wie „I’d Rather Go Blind“ von Chicken Shack (mit der späteren Christine McVie) sowie ein 2002er-Remake von „Albatross“ von Chris Coco, an dem Peter Green selbst mitwirkte.

Weiterführend → Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Dieses Album wurde veröffentlicht, als Country noch Country war, es gab kein Alternative, was das Rätsel aufgab, was genau man hörte. Die Cowboy Junkies nahmen Blues, Country, Folk, Rock und Jazz und verlangsamten es stark und schufen dabei etwas Neues. Wir betrachten die Geburtshelfer der Americana. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgründigen Folk-Songs: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim. In der Reihe mit großen Blues-Alben hören wir den irischen Melancholiker. Lauschen dem Turning Point, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den Swordfishtrombones, von Tom Waits und den Circus Songs von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter Blueser?