Ein Bild von…

„Ich hatte es gar nicht gewollt, habe es auch nicht kommen sehen. Es ist einfach passiert.“, platzierte er seine wohl nicht ganz durchdachte Verteidigungsrede seinem Gegenüber. „Es konnte doch nicht sein, die Situation ungenutzt einfach so verstreichen zu lassen. Da war der Moment heilig, er musste eingesetzt werden. Und dann bin ich so in diese Sache hereingerutscht. Sie war wunderschön, zugegeben, hatte im Antlitz etwas ungeheuer Reines. Als ich sie erblickte, du kannst dir gar nicht vorstellen, was in mir abging. Die Haare im Nacken stellten sich auf, dieses unglaubliche Kribbeln frischer Verliebtheit stieg in mir auf. Nur ganz wenige Momente hat man im Jahr, da passiert so etwas. Ihr Aussehen hatte auch etwas Abweisendes, das ich mir erst gar nicht erklären konnte, einen versteckten Makel vielleicht, der auf den ersten Blick nicht sichtbar war. Doch mit jedem weiteren Zeitlauf, der sich zwischen uns ergab, konnte ich bemerken, dass sie nachgab, dass auch sie mich wollte. Ihre Haut war eigentlich nicht das, was die meisten sich unter Perfektion vorstellen. Der Ton ihres Antlitzes erschien etwas sehr blass, fast als habe jemand sie kürzlich erst übertüncht.“ Herr Nipp geriet in diesem Momente ins Schwärmen, er suchte nach Worten, die seine aufgewühlten Gefühle hätten beschrieben können. Worte, die in der Lage waren, all sein seelisches Bestreben inhaltlich zu fassen. Er kam an seine Grenzen, dachte nur noch in Bruchstücken von Bildern, die sich aus dem Denken an sie ergaben. Die wohlgeformten Proportionen, die sich fast anschmiegen wollten. An die Stimmigkeit der Bewegung, die sie zeigte. Dachte an die Musik, die er bei ihrem Anblick vernommen hatte und die Bilder, die sich ergeben hatten. Harmonische Farbklänge inmitten einer bedürftigen Schuttlandschaft. Ja, es mochte vielleicht gar keine Worte geben, aber zumindest die inneren Werte waren irgendwie bestimmbar. Er musste genau in diesem Seinszustand an den Chandosbrief denken, den Hugo von Hofmannsthal um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert geschrieben hatte. Jetzt, hundert Jahre später, bestätigten sich diese Gedanken bei ihm ganz persönlich. (Der Leser mag an dieser Stelle selbst einmal überlegen, auf welche Weise 100 Jahre weiter in Begriffe gefasst werden könnten, dem Autor fiel nichts mehr ein.) Im Denken an ihr Aussehen zerfielen ihm die abstrakten Wörter wie Pilze im Mund. Er hatte einfach eine innere visionäre Eingebung gehabt und war noch einmal nach Hause gefahren, die Utensilien zu holen, die ihm fehlten. Für eine unglaubliche Begegnung mit einer unglaublichen Situation.

„So, jetzt noch mal ganz kurz für mein Notizbuch. Warum haben Sie diese Wand mit der angebauten Spindeltreppe mit einem Graffiti verschandelt?“ fragte der Polizist, der ihn erwischt hatte, jetzt schon recht ungeduldig.

 

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, dokumentiert auf KUNO zwischen 1994 – 2019

Weiterführend → 

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich die Totholzausgabe von Herrn Nipps Die Angst perfekter Schwiegersöhne entwickelt. Zudem belegt sein Taschenbuch Unerhörte Möglichkeiten, daß man keinen Falken mehr verzehren muss, um novellistisch tätig zu sein. Herr Nipp dampft die Gattung der Novelle konsequent zu Twitteratur ein. Und außerdem präsentiert Haimo Hieronymus ab 2017 Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp.

 

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