andere Ordnung

Dass eines mal klargestellt ist: Ordnung muss sein, zumal im Garten. Werkzeuge gehören dort draußen in die geordnete Natur nicht hinein, nur wenn gearbeitet wird. Nur für die Dauer der Arbeit, auch in der Mittagspause sind sie ordnungsgemäß zu verstauen. Nach getaner Arbeit allerdings unverzüglich wegzuräumen. Entweder in den Schuppen, dort gibt es immer eine Ecke, in der alle Werkzeuge versammelt sind, meist als scheinbar planloser Haufen, doch der Gärtner / die Gärtnerin weiß sofort mit einem Handgriff, welche Harke, Hacke, Schüppe, Spitzhacke, welcher Spaten wo steht, welchen (dieser, dieses oder diese) Griff etwas hat und instinktiv greift er / sie zu, ohne auch nur länger als eine halbe Sekunde bewusst hinzuschauen.

Die Dinge finden in diesen Schuppen ihre Ordnung, tradiert oft über Generationen bis hin zu Zeiten, als die Vorfahren noch nicht schreiben konnten. Oder aber dann gibt es auch noch einige über- penible Neugärtner / Neugärtnerinnen, solche eben, die bisher in der Großstadt gewohnt hatten und nun ein Haus mit Garten in der Provinz beziehen. Ihr ganzer Stolz, neuer Luxus und Selbstbild des gedachten Aussteigers ist der Garten, der nun in eine klare Ordnung zu bringen ist, eingefasst von Betonsichtsteinen mit Bruchsteincharakter (sehr schön, wenn diese im Siegerland dann terrakottafarben südländischen Charme verbreiten). Sie richten in jenem Schuppen, in der Garage gar eine Extrawand ein. Dort werden die Gartengerätschaften nach genauem Plan aufgehängt und wehe etwas kommt durcheinander, das kann dann schon mal einen handfesten Streit verursachen. Niemals sollte man sich daraus einen Spaß machen, nachts alles umzuhängen (Dort gibt es garantiert eine Hängevorrichtung.).

Natürlich wusste auch Herr Nipp um diese Realität, er hatte auch mal einen Gartenbesitzer kennen gelernt, der sich um gar nichts kümmerte und alles einfach wachsen ließ, aber das zählte nun wirklich nicht und Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regelsystemvorstellungen.

Hier aber erlebte Herr Nipp etwas völlig Neues: Der Garten- besitzer hatte einen Spaten und dieser stand immer draußen. Das konnte doch nicht sein. Für Herrn Nipp erschien dieses Verhalten unerklärlich. Auf der Terrasse stand er, an die Wand gelehnt, und obwohl vier Leute in dem Haus wohnten und mit Sicherheit mehr- mals täglich daran vorbeigingen, machte sich niemand die Mühe, den Spaten auch nur einmal in die Hand zu nehmen und in den Schuppen zu tragen. Wo war der eigentlich zu finden?

Einen ganzen Nachmittag verbrachte Herr Nipp auf der Terrasse, doch wirklich keiner gebrauchte das Stech- und Schüppwerkzeug. Das Auffällige und Unerklärliche war, dass der Spaten abends an einer ganz anderen Stelle stand, als er das morgens getan hatte. So machte Herr Nipp auch am folgenden Tag seine Terrassenbeob- achtung, wieder nahm nicht ein Familienmitglied den Spaten zu Hand und trotzdem stand er abends an anderer Stelle.

Auf diese Tatsache angesprochen, zuckte der Hausbesitzer aller- dings nur mit den Achseln: „Der gehört dem Mann an der Wand. Das ist auch ein Familienmitglied, der passt auf uns auf.“

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Die unerhörten Geschichten von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl überraschendes und unerwartetes, potentiell ungewöhnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens möglichen) Ursprung des Erzählten.

Weiterführend → 

Zum Thema Künstlerbucher lesen finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.

Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erhältlich über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421