Wenn es Videoclips gibt, muss auch die Literatur auf die veränderten medialen Verhältnisse reagieren.
proklamierte der Sprechsteller A. J. Weigoni 1991 als er und der Musiker Frank Michaelis in Zusammenarbeit mit der Schauspielerin Marion Haberstroh und dem Schauspieler Kai Mönnich die zum Schlagwort gewordenen Literaturclips beim Dortmunder Independent-Label Constrictor auf dem neuen Medium der Compact Disc (kurz CD, englisch für kompakte Scheibe) vorlegte. Eine grundlegende Ambivalenz und Reserve der Fachöffentlichkeit war kein Zufall.
Die künstlerische Praxis von als Sprechsteller und Hörspielmacher ist ein faszinierendes Beispiel für ein intermediales und interdisziplinäres Text-Netzwerk. Seine Werke vereinen verschiedene Medien und Disziplinen und schaffen somit eine besondere Form der narrativen Darstellung.
Weigonis tonale Arbeit lässt sich nicht nur als reine Audioproduktion verstehen; vielmehr ist sie ein Zusammenspiel von Sprache, Musik, Klang und dem visuellen Raum. Intermedialität bezieht sich auf die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Medien. In Weigonis Fall kommt dies besonders deutlich in Hörspielen und installativen Arbeiten zum Vorschein, wo Sprache und Klang nicht isoliert, sondern als Teile eines größeren Ganzen agieren.
Beispielsweise nutzt Weigoni Geräuschcollagen und akustische Umgebungen, um die emotionalen und thematischen Schichten seiner Erzählungen zu verstärken. Diese Klanglandschaften fungieren als eigenständige narrative Elemente, die in Dialog mit der gesprochenen Sprache treten. Hierbei wird der Zuhörer nicht nur als passiver Konsument betrachtet, sondern als aktiver Teil des kreativen Prozesses, der die eigene Interpretation der Klänge und Texte in den Mittelpunkt rückt.
Weigonis Bemühungen, verschiedene Disziplinen zu interagieren, spiegeln sich in der Vielfalt seiner Projekte wider. Er integriert Elemente der Literatur, Musikwissenschaft, Theater und Bildender Kunst. Diese interdisziplinären Ansätze ermöglichen es ihm, komplexe Themen zu beleuchten und innovative Fragestellungen aufzuwerfen.
Ein bemerkenswertes Beispiel ist die Art und Weise, wie Weigoni literarische Texte in akustische Werke übersetzt. Hierbei verschmilzt das geschriebene Wort mit der akustischen Dimension, wodurch eine neue Erfahrung für das Publikum erzeugt wird. Transmedialität bedeutet, dass eine Geschichte oder ein Konzept über verschiedene Medien hinweg erzählt wird. Weigonis Arbeit kann als transmedial betrachtet werden, da seine Werke oft über den Rahmen des Hörspiels hinausgehen. Er experimentiert mit Live-Performances, audiovisuellen Installationen und digitalen Medien. Diese Variabilität ermutigt die Zuschauer und Zuhörer, über den Tellerrand hinauszuschauen und die Interaktionen zwischen verschiedenen Erzählformen zu erforschen.
Weigonis tonale Arbeiten sind ein intermediales und interdisziplinäres Text-Netzwerk, das sowohl die Grenzen der verschiedenen Medien als auch die der Disziplinen überschreitet. Durch seine innovativen Ansätze fördert er ein kreatives Zusammenspiel von Klang, Sprache und visuellem Ausdruck, das nicht nur die traditionelle Auffassung von Hörspielen herausfordert, sondern auch neue Formen der Narration etabliert. Dieses Werk trägt dazu bei, die Möglichkeiten des Erzählens zu erweitern. Durch die Kombination von verschiedenen Medien und disziplinären Ansätzen wird eine neue ästhetische Erfahrung geschaffen, die sowohl die emotionalen als auch die intellektuellen Aspekte der Wahrnehmung anspricht.
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LiteraturClips, von A.J. Weigoni und Frank Michaelis (mit Marion Haberstroh und Kai Mönnich) bei Constrictor, Dortmund 1991
Top 100, von A.J. Weigoni bei Constrictor, Dortmund 1995
Cover des ersten Hörbuchs
Weiterführend →
Vertiefend zur Lektüre empfohlen, das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Sophie Reyer und A.J. Weigoni zum Projekt Wortspielhalle.
Die Titelgebung Literaturclips ist selbstverständlich reinste Camouflage, gleichzeitig markieren jedoch die zwischen 1991 entstandenen LiteraturClips und den bis 1995 entstandenen Top 100 den Höhepunkt und die wahre Sprengung der sogenannten Pop-Literatur. Am Ende wird Top 100 ein Ganzes, das wiederum in seine Teile zerfällt. Das Hör-Spiel kann von neuem beginnen.