Zeichenübungen

Dass der Sinn zwischen den Worten hängt, in ihrer Überlagerung, wird uns immer wieder erst dann klar, wenn die Kommunika- tionen, über die wir so gerne reden, letzlich doch schieflaufen. Noch schöner wird es, wenn nur die Andeutung des Gebrauchs bestimmter Wortfragmente zu einem grundlegenden Missverstehen führen muss. Hier sei nicht gesprochen von den großen Fragestel- lungen unserer Gesellschaft, wie Atomausstieg und Klimawandel. Auch wenn dies sicherlich ein schönes Thema wäre.

Hörte man vor nicht allzu langer Zeit einen Gelehrten sprechen, der sagte, es heiße nicht Atomkraftwerk, das sei völliger Blödsinn, sondern wenn schon dann Kernkraftwerk, außerdem sei dies be- kanntlich die sauberste Energie. Neuerdings spricht genau dieser Mensch davon, dass er immer schon behauptet habe, dies sei eine Brücken-/ Übergangstechnologie, von einer dauerhaften Lösung könne ja niemals die Rede gewesen sein. Kommunikation, könnte ein Schelm vermuten, läuft schon dann in falsche Bahnen, wenn es eine gewisse Parteihörigkeit gibt und ganz nach dem Motto „Was kümmert sich mein Geschwätz von gestern“ das Fähnchen in den Wind gehängt wird. Hauptsache es flattert und Hauptsache man hat etwas zu sagen. Man mag sich fragen, ob man auch von der Kern- bombe sprechen kann, das hätte etwas beruhigendes, erinnert so schön an ausgespuckte Kirschreste. Nein, wir wollen uns mit die- sen Wortklaubereien der großen Politik gar nicht befassen, denn hier soll es um das Kleine gehen. Nicht so klein wie Atome, aber aus diesen bestehend, so wenige Zentimeter bis einige Dezimeter lang.

Kennen sie Burschenschwänze?

Ja, tragen die Burschen, klar. Stellen sie sich jetzt vor, dass ein Seminarleiter Kunst folgenden Text von Lichtenberg (aus „ver- mischte Schriften“, Seite 420) vorliest, mit dem Auftrag, nach diesen Beschreibungen Schattenbilder zu malen, was kommt dann wohl heraus?

Meine Bitte: vor dem Weiterlesen nehmen sie einen Stift und Zettel zur Hand, dann lesen sie den Text und zeichnen sie Schatten- bilder oder Umrisse nach genau der Beschreibung, erst dann lesen sie bitte den Nachsatz.

Erste Übung (bitte sehr schnell zeichnen, nicht länger als 30 Se- kunden):
„1. Ist fast Schwanz-Ideal. Germanischer eiserner Elater im Schaft. Adel in der Fahne, offensiv liebende Zärtlichkeit in der Rose; aus der Richtung fletscht Philistertod und unbezahltes Conto, durchaus mehr Kraft als Besonnenheit.“

Zweite Übung (lassen sie sich Zeit für Ausschmückungen, drei Minuten allerdings höchstens)
„2. Hier überall mehr Besonnenheit als Kraft. Ängstlich gerade, nichts Hohes, Aufbrausendes, weder Newton noch Rüttgerot, süßes Stutzerpeitschchen, nicht zur Zucht, sondern zur Zierde, und zartes Marzipanherz ohne Feuerpuls. ein Liedchen sein höchster Flug, ein Küßchen sein ganzer Wunsch. “

Dritte Übung (bitte auch das Umfeld berücksichtigen, genau zeichnen, 5 Minuten)
„3. eingezwängter Fülldrang. Eine Pulvertonne unter einem Feuer- becken vergessen, wenn ́s auffliegt, füllt ́s die Welt. Edler vortreff- licher Schwanz, englisch in beyderley Verstand. Schade, daß du von sterblichen Nacken herabstarrst. Flögst du durch Himmel, die Kometen würden sprechen: welcher unter uns will es mit ihm auf- nehmen. Studiert Medzin.“

Wer jetzt allerdings weiß, dass hier Haarzöpfe am Hinterkopf von Burschenschaftlern des 18.Jahrhunderts beschrieben worden sind, der kann sich des Seminarleiters Entsetzen vorstellen, als er die Ergebnisse sah.

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Die unerhörten Geschichten von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl überraschendes und unerwartetes, potentiell ungewöhnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens möglichen) Ursprung des Erzählten.

Weiterführend → 

Zum Thema Künstlerbucher lesen finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.

Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erhältlich über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421