Baugrund

 

Es gibt Städte, die pflegen und erhalten ihre eigene Baugeschichte. Ihre Kulturgeschichte sowieso. Dann werden sie in der Regel dafür durch nie abreißende Touristenströme belohnt, andere Städte scheinen nie verstanden zu haben, dass die besondere Form ihrer Geschichte auch besonders spannend sein könnte. Also werden nach rund hundert Jahren die Bauwerke dem Boden gleich gemacht. Vielleicht bleiben an manchen Stellen auch einige wenige erhalten, aber das wird nicht ernst genommen. Und irgendwann findet sich doch ein Investor, der genug Geld bietet. Denn diese Städte leben von der Veränderung, von der steten Anpassung an aktuelle Gegebenheiten. Der Rubel muss rollen. Auch die Friedhöfe einiger Städte sind durchaus Besuchermagneten und berühmt, nicht so der alte Stadtfriedhof in Herrn Nipps näherer Umgebung. Auch alte Gräber, die er in seiner Kindheit noch bestaunen konnte, Gräber aus der Zeit der Jahrhundertwende, also um 1900, sind plötzlich verschwunden. Er kann sich gut erinnern, dass diese von geschlagenen, von Steinmetzen gefertigten Mauerfriesen umgeben waren, auf denen geschmiedete Gitter standen. Eingefriedete kleine Gärten, kleine Architekturen, die den Gedanken an die Gründer dieser Industriestadt aufrecht erhielten. Nur die mächtigen Familien, die geblieben sind, konnten ihre Gräber erhalten. Plattengräber aus der Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, die den Hauptweg säumten? Verschwunden. Wunderschöne Skulpturen, individuell gefertigt? Einfach so weg. Zwei Friedhöfe in seiner Stadt wurden völlig ausgelöscht. Über dem einen befindet sich heute erstens eine riesige Autobahnbrücke, zweitens ein ziemlich bescheidener Skaterpark. Der andere musste einer Feuerwehrstation weichen, denn die historische Feuerwache hatte aus Gründen des innerstädtischen Parkplatzmangels ebenfalls kein Bleiberecht. Alte Schulgebäude? Abgerissen. Alte innerstädtische Fabriken? Planiert. Unter Denkmalschutz stehende Gründerzeitvillen, aus farbig glasiertem Backstein gebaut? Huch, das wussten wir nicht, jetzt sind sie weg. Da steht aber immerhin jetzt ein wunderbar klobiges Arbeitsamt mit Sandsteinvertäfelung. Eine Villa mit unglaublich reichhaltigem Stuck neben dem Krankenhaus? Äh, da hätte doch eigentlich eine neue Einfahrt hingesollt, also abgerissen, war ja auch sicherlich aus baulicher Sicht nicht mehr brauchbar. Ein altes Rathaus, auf das die Bürger dieser Stadt immer stolz waren? Äh, da ist jetzt der Marktplatz. Aber vielleicht wird ja irgendwann das brutalistische neue Rathaus am Rande der Stadt unter Denkmalschutz gestellt. Immerhin gibt es hier eine gewisse Liebe zum schroffen Beton. Die alte Poststation? Weg damit, steht einer Straßenverbreiterung mit Tunnel im Weg. Anmutige, individuelle Geschäftshäuser des innerstädtischen Einzelhandels? Mussten weißen Würfeln für Handelsketten weichen. Fachwerkhäuser? Die sind energetisch ineffektiv. Stuckverkleidungen an Häusern? Abschlagen, dann bekommt ihr eine Prämie dafür!

Je länger er nachdenkt, desto länger wird die Liste.

Das ist natürlich alles an den Haaren herbeigezogen, klar. So eine Stadt kann es doch gar nicht geben, wird sich der Leser jetzt natürlich denken. Die Auflistung zeigt uns auch, dass der Verfasser dieser Zeilen irgendwo im Nirvana seiner Vorstellungen und kruden Fantasien schwebt. Niemand hat die Absicht, die Geschichte einer Stadt zu verleugnen. Wir sehen mal wieder, dass die lustigen Geschichten von Herrn Nipp reinste Fantasieprodukte sind, es gibt, und darauf sei hier an dieser Stelle verwiesen, niemals auch nur ansatzweise Bezüge zur Realität. Als er an diesem Morgen mit dem Hund über den Friedhof geht, sieht er zwei Menschen dort an einer Ecke stehen. Beide Anzugträger mit offenen Hemdkrägen. Sie gestikulieren und scheinen vor ihrem inneren Auge einen Plan zu schmieden. Im Vorbeigehen kann er gerade noch einige Worte aufschnappen. „…bräuchten wir keinen weiteren Park in der Stadt und neue Bestattungen kommen auf die nächsten hundert Jahre sowieso nicht infrage, das alles kostet doch nur. Das sollte alles abgeräumt werden und dann kämen hier richtig schöne große Baugrundstücke hin. Überleg dir mal, wie viele Quadratmeter das sind.“ Wahrscheinlich hat er einfach falsch gehört. Aber in manchen Städten ist alles denkbar.

 

 

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Das Mittelmaß der Welt, unerhörte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 – 2019

Die unerhörten Geschichten von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl überraschendes und unerwartetes, potentiell ungewöhnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens möglichen) Ursprung des Erzählten.

Weiterführend → 

Zum Thema Künstlerbucher lesen finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.

Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erhältlich über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421