Sechs Gedichte

1

die Birke bricht mir ins Abenteuer

alle Wege haben warme Füße

die Blätter schwindeln mich an

fallen erst morgen noch nicht

die Rinde blättert einen Brief

dich zu küssen hätt ich Federn

dir zu sagen fing ich Sterne

was du hören möchtest prachtlos

wenn du weißt ein Netz

schafft Knoten für die Maschen

ein Hochseil ist zum Gehen da

hast du Grund zu fallen

was auch sonst geschähe

seis Blätter brechen Zungen

nun fall nur und schweig

wie alles sein Gerede hat
2

gleißend weiß streckt Schnee

sich eben, weit, geduckt

flacher Wintersonne entgegen

kristallen streut Lichtgemisch

lange, helle Schatten, Gischt

von Hauch und Kälte

gebläute Baumschemen sind

ungehbar weit verhängt

verloren dem Horizont geschenkt

und es schnellt nichts

nichts geht oder weht

von Fluchtpunkt zu Fluchtpunkt

(was lebt, steht)

3

In scheinbar normaler Nacht

holen Szenen, nie gekannte

dich ein: gewandte Macht

durch flüsternde Hecken: Gewehre, Wachsen

zertreten den Schutz, die Liebe, den Leib

Spalier schwarzer Augen: Todesachsen

verketten alle fliehenden Schritte

fällst, verlierst jede Mitte

in einer beliebigen Nacht

bist du im Vorkrieg aufgewacht

4

außen zerbricht die Welt

abgebrannt schon ewig

innen zerreißt das gleiche

( es gibt zwei Welten

sagen Menschen mit Herz

und graben damit Gräben )

Trennungen diplomatisch schärfen Bomben

von Herzen und Kalkül geprägt

privat ewig immer schon

das Drama lebt schneidend

vom Verrat des Kusses / dem Versprechen

der Zusage am Mund

woran der Kopf hängt

nichts hat der Kopf

zu tun

als Mund und Herz und Stille

( abgeschlagen fortgedacht )

nichts ist im Kopf

der Körper als Mangel

nichts dort sein Herz

gebraucht und verraten

( allein werde ich tot

wie jeder Tote allein )

5

es hat zwar Schreie gegeben

und Rennen

doch, – ja, – doch

den Wald der Duldung

kein Herz, – kein Tasten, – keine Mulde

das findet sich wieder

im rissigen Grund

niedergetreten geht es weiter

in Kenntnis des Bedarfs

fallen die Namen

6

die weiße Wand ist weit

und rückt nun näher

abhanden war die Nähe

die dem Auge nichts beschrieb

das Gemeinte hat ein Muster

das nach Händen rief

( so ruft die Wand: ich weiß )

 

 

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WeiterführendEine  Würdigung von Jürgen Diehl finden Sie hier. Hören Sie auch die Hommage an Jürgen Diehl auf MetaPhon.