An Zimmern

Die Linien des Lebens sind verschieden,

Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.

Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

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Friedrich Hölderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792

„Liest man die vier Zeilen des Gedichts „An Zimmern“, so ist man berührt von ihrer Schlichtheit. Die Verse sind wie mit dem Lineal gezogen. Nichts Prometheisches mehr, keine stürzenden Wolken, kein Äther, keine Wogen; stattdessen ein gleichmäßig einherschreitender, bedächtig ins Sprichworthafte übergehender Ton. Nach den gewaltigen poetischen Aufschwüngen der ersten Lebenshälfte ein Niedergleiten, ein Abschluss. Hölderlin scheint die eigene Poesie in seine Kinderarme zu nehmen. Und er spricht hier zum Handwerker Zimmer, als wolle er gerade einmal zu einer kleinen Religionsstunde ansetzen – Friedrich Hölderlin, der frisch aus dem Evangelischen Stift entlassene Theologe von einst.“ (Hans Maier)

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Ulrich Bergmann hat das Stück „Der Tod des Empedokles“ neu gelesen und fand ein Gedicht. Lesen Sie auch Friedrich Hölderlins Essay Über die Verfahrungsweise des poetischen Geistes. Poesie ist das identitätsstiftende Element der Kultur, KUNOs poetologische Positionsbestimmung.