Die Unschuld ist mit dem Monströsen kurzgeschlossen

To Bring You My Love vereint Blues mit düsteren Erzählungen. Dieses Album ist dank der rauen, theatralischen Intensität faszinierend, weil es  biblischen Metaphern rekontextualisiert und das klassisch männerdominierte Musikgenre aufbricht.

Die alte Welt des Blues war eine Wüste, bevölkert von den Geistern betrogener Männer und einsamer Gitarren an staubigen Wegkreuzungen. P.J. Harvey baut auf diesem Terrain keine neue Straße; sie stellt eine Zapfsäule mitten in den Sand. Ihre Stimme ist der Treibstoff, der aus den Tiefen einer verbrannten Erde hochgepumpt wird. Wo früher der männliche Wanderer seine Sehnsucht besang, steht jetzt eine Frau und fordert den Tribut für die Durchreise. Das Benzin riecht nach Schwefel und Lippenstift.

Wer diese Musik hört, betritt einen Raum voller herrenloser Gegenstände, die alle eine biblische Last tragen. Eine abgelegte Haut, ein verrostetes Messer, ein im Fluss ertränktes Kleid. Harvey bückt sich nicht nach den Reliquien, um sie anzubeten, sondern um sie umzudrehen. Sie nimmt den Staub aus den heiligen Büchern und streut ihn den Herrschenden in die Augen. Die Metapher ist hier keine Verzierung mehr; sie ist ein Werkzeug, das man gegen den Vorbesitzer wendet.

„I’ve lain with the devil“, singt sie, und es ist kein Geständnis, sondern ein Besitzzeugnis. Das Sakrale wird hier nicht profaniert, um es lächerlich zu machen, sondern um seine theatralische Gewalt für die eigene Kulisse zu nutzen. Die Sünde ist keine moralische Kategorie mehr, sondern die einzige Währung, die in dieser Musik noch echtes Gewicht hat. Wer den Fuß auf diese Platte setzt, muss wissen, dass der Boden unter ihm nachgibt.

Die Weiblichkeit wird in diesen Stücken wie ein schweres, theatralisches Gewand vorgeführt, das man absichtlich falsch zuknöpft. Es ist die Demontage des männlichen Blicks durch dessen totale Überfüllung. Harvey inszeniert die Hure und die Heilige nicht als Rollen, die sie ausfüllt, sondern als Masken, die sie dem Zuhörer entgegenhält, bis dieser sein eigenes Erschrecken darin spiegelt. Die Verzerrung der Gitarre ist das Geräusch, wenn diese Masken splittern.

Das Blaulicht der Synthesizer-Bässe in Down by the Water verzerrt die Sicht. Es bricht das organische Licht des Rock ’n’ Roll. Harvey zwingt uns, durch ein schmutziges Prisma zu blicken, in dem das Verbrechen wie ein ritueller Akt erscheint. Man sieht nicht den Tod, man sieht das Starren danach. Es ist ein Lied, das man nicht mit den Ohren hört, sondern mit den geweiteten Pupillen im Dunkeln.

Es gibt kein Zurück hinter diese Intensität. Der Blues, einmal durch diesen Wolf gedreht, kann nicht mehr harmlos von Sehnsucht sprechen. Er ist jetzt eine Sackgasse, an deren Ende eine Frau mit einer Stromguitarre steht und den Ton angibt.

 

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To Bring You My Love, von P.J. Harvey, 1995

Weiterführend → Im typischen Gestus junger Dichter hasste Arthur Rimbaud die kleinbürgerliche Enge seiner Vaterstadt, was z. B. in dem satirischen Gedicht À la musique (An die Musik) zum Ausdruck kommt, er ist der erste Rockstar der Poesie.  Jim Morrison und die Grandma des Punk Patti Smith nutzten Musik als Transportmittel für ihre Lyrics. Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet Zappas Mothers of Invention als „politisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill“ wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war Frank Zappa neben Carla Bleys Escalator Over The Hill einer der bedeutendsten und prägendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Komponistin führt uns vor Ohren, dass Improvisation ein gesellschaftspolitisches Idealmodell ist.

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