Abschiedsgedicht

 

 

Ich steh im Finstern und wie erblindet,

weil sich zu Dir mein Blick nicht mehr findet.

Der Tage irres Gedränge ist

ein Vorhang mir nur, dahinter Du bist.

Ich starre drauf hin, ob er sich nicht hebt,

der Vorhang, dahinter mein Leben lebt,

meines Lebens Gehalt, meines Lebens Gebot –

und doch mein Tod.

Du schmiegtest Dich an mich, doch nicht zum Hohn,

nur so, wie die formende Hand sich schmiegt an den Ton.

Die Hand mit des Schöpfers Gewalt

Ihr träumte eine Gestalt –

Da wurde sie müde, da ließ sie nach,

da ließ sie mich fallen, und ich zerbrach.

Warst mir die mütterlichste der Frauen,

ein Freund warst du, wie Männer sind,

ein Weib, so warst Du anzuschauen,

und öfter noch warst Du ein Kind.

Du warst das Zarteste, das mir begegnet,

das Härteste warst Du, damit ich rang.

Du warst das Hohe, das mich gesegnet –

und wurdest der Abgrund, der mich verschlang.

 

 

 

 

Lou Andreas-Salomé, aufgenommen im Photoatelier Elvira, München

Lou Andreas-Salomés oft gerühmte persönliche Ausstrahlung, ihre Bildung und intellektuelle Beweglichkeit, die Freundschaft mit namhaften Zeitgenossen und ihre unkonventionelle Lebensführung sicherten ihr einen Platz in der deutschen Kulturgeschichte. Ihr Leben war und ist Gegenstand von Biographien, Romanliteratur, Musiktheater (der Oper Lou Salomé von Giuseppe Sinopoli (Libretto: Karl Dietrich Gräwe) zum Beispiel, die 1981 in München uraufgeführt wurde) und anderen Texten, in denen ihre Kontakte zu Berühmtheiten der Literatur- und Wissenschaftsgeschichte erörtert werden.

Verglichen damit fand ihr eigenes schriftstellerisches Werk seither wenig Beachtung – es verschwand hinter der außergewöhnlichen Geschichte ihres Lebens, dem will KUNO abhelfen. Als renommierte Autorin hatte sie an der Entwicklung der Positionen der Moderne um 1900 lebhaft mitgewirkt. In Romanen, Erzählungen, Essays, Theaterkritiken, zahlreichen Texten über Philosophie und Psychoanalyse, einem weitläufigen Briefwechsel beteiligte sie sich an den Diskussionen über grundlegende Fragen der Zeit.

Weiterführend → Poesie zählt für KUNO weiterhin zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung.