Ich bin der Welt abhanden gekommen

 

Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben.
Sie hat so lange von mir nichts vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben.

Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält;
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.

Ich bin gestorben dem Weltgewimmel
Und ruh’ in einem stillen Gebiet.
Ich leb’ in mir und meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied.

 

 

 

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Friedrich Rückert, Stahlstich von seinem „lieben Freund und Kupferstecher“ Carl Barth nach einer Vorzeichnung aus dem Jahr 1843

Ich bin der Welt abhanden gekommen ist ein Gedicht von Friedrich Rückert. Es findet sich in dem Zyklus Liebesfrühling, den er 1821 für seine spätere Frau Luise Wiethaus-Fischer schrieb. Die Sätze des dreistrophigen Werkes kreisen um das lyrische Ich, das sich dem „Weltgewimmel“ entzogen hat und in sich zu ruhen scheint. Das Gedicht wurde von Gustav Mahler als drittes seiner Rückert-Lieder vertont.

Weiterführend → Poesie zählt für KUNO weiterhin zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung.