Der Blueser sitzt auf der Veranda, klagt den Teufel an, wartet auf den Zug. Der Punk-Rocker zündet die Veranda an, beschimpft den Teufel, wirft sich vor den Zug.
Der Blues ist kein Fundament, er ist ein feuchter Keller. Der Punksänger steht nicht vor der Tradition, er bricht in sie ein. Seine Werkzeuge: eine verstimmte Fender, ein rostiger Nagel, drei Akkorde aus purem Trotz. Wer den Blues heute spielen will, darf nicht singen, er muss das Pflaster mit der Stimme aufkratzen.
Die Gewalt dieses Albums bricht sich nicht in politischen Parolen Bahn. Sie kriecht aus den Ecken des Privaten. Im Titeltrack From Her to Eternity wird das Klavier geschlagen wie ein ungezogenes Kind. Die Gewalt ist hier der verzweifelte Versuch, die Distanz zwischen dem Ich und dem Du zu zertrümmern. Wenn die Worte der Sehnsucht versagen, spricht das Feedback der Gitarre.
Die Sehnsucht im Post-Punk ist kein sanfter Schmerz. Sie ist ein biologischer Zwang, ein Entzugssymptom. Auf From Her to Eternity wird das Begehren nicht besungen, es wird belagert. Der Liebende steht nicht unter dem Balkon, er starrt durch die Decke auf die Schritte der Frau im oberen Stockwerk. Die Sehnsucht manifestiert sich als akustischer Terror.
Was vom Delta übrig blieb, liegt im Straßengraben von London und West-Berlin. Nick Cave greift in den Schlamm. From Her to Eternity ist kein Studioalbum, es ist eine improvisierte Barrikade aus Lärm. Der Rhythmus schleppt sich wie ein verletztes Tier durch die Gasse. Das ist kein Mitleid, das ähnelt einer Totenbeschwörung.
Die Zeit des Punks ist die Sekunde vor dem Aufprall. Der Blues dagegen dehnt die Ewigkeit. Wenn beide kollidieren, entsteht kein neuer Stil, sondern ein Riss im Asphalt. Caves Gesang ist das Kreischen von Bremsen auf einer nächtlichen Straße. Es gibt kein Zurück, nur das starre Starren auf das absolute Ende.
Jeder Song ist ein ungeöffneter Brief, dessen Tinte mit Blut gemischt wurde. Nick Cave nimmt die alte Blues-Formel vom „Killing Floor“ und verlegt sie in die urbane Psyche. Die Sehnsucht ist der Motor, die Gewalt ist der Auspuff. Am Ende bleibt kein Trost, nur das nackte, staunende Entsetzen über die eigene Hinfälligkeit.
From Her to Eternity von Nick Cave and the Bad Seeds, 1984
Weiterführend → Im typischen Gestus junger Dichter hasste Arthur Rimbaud die kleinbürgerliche Enge seiner Vaterstadt, was z. B. in dem satirischen Gedicht À la musique (An die Musik) zum Ausdruck kommt, er ist der erste Rockstar der Poesie. Jim Morrison und die Grandma des Punk Patti Smith nutzten Musik als Transportmittel für ihre Lyrics. Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet Zappas Mothers of Invention als „politisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill“ wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war Frank Zappa neben Carla Bleys Escalator Over The Hill einer der bedeutendsten und prägendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Komponistin führt uns vor Ohren, dass Improvisation ein gesellschaftspolitisches Idealmodell ist.