Eine Montage des Disparaten

„Rain Dogs“ ist eine Verschmelzung von „Außenseiter-Einflüssen – sozialistische Dekadenz im Stile von Kurt Weill, die ursprüngliche Aufrichtigkeit des rauen alten Blues, die elegische Melancholie der Brass-Bands bei Beerdigungen in New Orleans – zu einem einzigartig eigenwilligen amerikanischen Stil.

Es zieht ein Wind von den Brecht’schen Bühnen herüber, doch er hat die Atlantiküberquerung nicht schadlos überstanden. Was bei Kurt Weill noch die scharf konturierte, sozialistische Dekadenz des alten Kontinents war – das sezierende Seziermesser der Moritat –, wird in den Straßenschluchten von New York zu einem melancholischen Taumel. Es ist das Varieté, das pleitegegangen ist. Die Songs stehen an den Ecken wie die Arbeitslosen der Weimarer Republik, aber sie tragen die Hüte der Bowery-Bumser. Die Dekadenz ist hier nicht mehr Anklage, sondern das Gewebe selbst, aus dem die Zuflucht gebaut ist. Ein Akkordeon schluchzt nicht aus Sentimentalität; es keucht wie eine defekte Lunge.

Tom Waits’ Misstrauen gegenüber dem Knopfdruck ist die Weigerung, die Spur der Arbeit aus dem Kunstwerk zu tilgen. Wo das Sampling die Welt in sterile Atome zerlegt, beharrt die Marimba, das Banjo, das verbeulte Blech der Posaune auf ihrem Recht zu altern. Sie haben Staub angesetzt; sie sind schmutzig vom Gebrauch. In der Erlegung des Klangs wird die Ware wieder zum Gegenstand.

Der Blues auf Rain Dogs ist kein Museumsstück, sondern die ursprüngliche Aufrichtigkeit, die im Schlamm des Mississippi wurzelte und nun auf dem Asphalt der Metropole festgefroren ist. Es ist der raue Blues, der seine ländliche Unschuld verloren hat, um die Sprache der Pfandleiher und Hafenarbeiter zu lernen. Er schaut nicht mehr in den Himmel, um den Teufel an der Kreuzung zu treffen; der Teufel sitzt hier bereits im Kellerloch und betreibt eine illegale Destille. Die Aufrichtigkeit misst sich an der Heiserkeit der Stimme – ein Instrument, das so oft mit billigem Gin gurgelte, bis es die Konsistenz von Schmirgelpapier annahm.

Wenn die Brass-Bands aus New Orleans durch diese Stücke ziehen, dann tun sie es mit dem schweren Schritt derer, die wissen, dass es keine Heimkehr gibt. Die elegische Melancholie der Beerdigungen wird zum Soundtrack für die lebenden Toten der Großstadt – die Rain Dogs, jene Hunde, die nach dem Regen ihre eigene Fährte nicht mehr finden. Die Posaune bläst den Marsch für die Schiffbrüchigen der Zivilisation. Es ist eine Musik, die im Gehen entsteht, die den Rhythmus des Pflasters aufsaugt und jeden Takt wie einen Stolperstein setzt.

Das Wort „Verschmelzung“ greift zu kurz; es schmeckt nach der Alchemie der Industrie. Rain Dogs ist vielmehr eine Montage des Disparaten. Was hier zusammengezwungen wird, gehört nach den Gesetzen der reinen Ästhetik nicht zusammen: das europäische Lehrstück, der archaische Schrei des Südens, der Trauerzug der Vorstadt. Und doch entsteht daraus ein zutiefst amerikanischer Stil – nicht der der glänzenden Wolkenkratzer, sondern der des Hinterhofs. Es ist die Erfindung einer neuen Folklore aus den Abfällen der Moderne. Indem Waits die Knöpfe der Studios verweigert, rettet er die Dinge im Moment ihres Verschwindens. Er gibt den Ausgestoßenen ihre Instrumente zurück.

 

 

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Rain Dogs, Tom Waits, 1985

Weiterführend → Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Die Cowboy Junkies nahmen Blues, Country, Folk, Rock und Jazz und verlangsamten es stark und schufen dabei etwas Neues. Wir betrachten die Geburtshelfer der Americana. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgründigen Folk-Songs: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim. In der Reihe mit großen Blues-Alben hören wir den irischen Melancholiker. Lauschen dem Turning Point, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den Swordfishtrombones, von Tom Waits und lauschen Tom Waits mit What Keeps Mankind Alive? (aus der Dreigroschenoper).

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