Auf Kollisionskurs

 

Die Freundschaft zwischen Frank Zappa und Don Van Vliet (dem späteren Captain Beefheart) begann in den 1950er Jahren in der staubigen Wüstenstadt Lancaster, Kalifornien. Es war eine schicksalhafte Begegnung zweier Außenseiter, die die moderne Musikwelt verändern sollte.

Don Van Vliet besaß im Gegensatz zu Zappa bereits ein Auto, und so verbrachten die beiden unzählige Stunden damit, durch die Wüste zu fahren, billigen Wein zu trinken und Musik zu hören.

Die beiden Teenager lernten sich Mitte der 1950er Jahre an der Antelope Valley High School kennen. Lancaster war eine konservative, isolierte Kleinstadt, geprägt von der Luftfahrtindustrie und Wüstenwinden. Für zwei exzentrische, künstlerisch veranlagte Jugendliche war dies der perfekte Nährboden für eine kreative Rebellion: Beide passten nicht in das typische Highschool-Klischee. Sie teilten ein tiefes Desinteresse an Sport und klassischen Teenager-Aktivitäten. Ihre eigentliche Verbindung war eine radikale, fast religiöse Liebe zum R&B, Doo-Wop und rohem Delta-Blues (insbesondere Muddy Waters, Howlin‘ Wolf und Son House).

Der Name Captain Beefheart basierte auf einem bizarren Insider-Witz über einen Onkel von Don Van Vliet, der sich im Badezimmer entblößte und laut Zappa ein „Herz wie ein Rindfleisch“ (beef heart) hatte.

Im Jahr 1963 kaufte Zappa ein kleines Aufnahme-Studio in Cucamonga, Kalifornien, und nannte es Studio Z. Zappa und Van Vliet gründeten ein musikalisches Projekt namens The Soots. Sie nahmen rohe Blues-Stücke auf, bei denen Van Vliet sang und Zappa Gitarre spielte. Zappa spielte die Bänder den großen Plattenfirmen (unter anderem Dot Records) vor. Die Manager lehnten die Aufnahmen mit der Begründung ab, Van Vliets Stimme sei „unkommerziell“ und die Gitarre verzerrt. Diese kollektive Ablehnung schweißte die beiden in ihrem Hass auf die Musikindustrie nur noch weiter zusammen.

Mitte der 1960er Jahre trennten sich ihre Wege zunächst geografisch und kommerziell. Zappa gründete die Mothers of Invention und wurde schnell zu einer Ikone der Gegenkultur. Beefheart gründete seine Magic Band.

Im Jahr 1969 kreuzten sich ihre Pfade wieder auf spektakuläre Weise: Zappa gründete sein eigenes Label Straight Records und gab seinem alten Freund absolute künstlerische Freiheit. Zappa produzierte Beefhearts legendäres Doppelalbum Trout Mask Replica. Obwohl die Studioarbeit extrem angespannt war – Beefheart war hochgradig paranoid und warf Zappa vor, ihn kontrollieren zu wollen –, gilt das Album heute als eines der einflussreichsten Avantgarde-Werke der Rockgeschichte.

Diese Vorgeschichte zeigt, dass „Bongo Fury“ von 1975 kein zufälliges Treffen zweier Musiker war. Es war die Kulmination einer 20-jährigen, hochexplosiven Mischung aus tiefer Verbundenheit, gegenseitigem Respekt und kreativer Konkurrenz. Sie waren wie zwei Pole desselben Magneten: untrennbar verbunden durch ihre Vergangenheit in der Wüste, aber oft zu groß, um im selben Raum zu existieren. Dieses Live-Album fängt genau diese Reibung ein. Beefheart singt nicht nur, er bricht regelrecht in die strikt durchstrukturierten Songs der Mothers ein. Er rezitiert surreale Poesie und bläst auf der Mundharmonika gegen Zappas messerscharfe Gitarrenriffs an. Diese Spannung verleiht dem Album eine unvorhersehbare, fast gefährliche Energie.

Das Armadillo World Headquarters: Der perfekte Schauplatz

Dass diese Aufnahmen im Mai 1975 im Armadillo World Headquarters in Austin stattfanden, war kein Zufall. Die Halle war das Epizentrum des „Progressive Country“ und ein Schmelztiegel, in dem Hippies, Rocker und Country-Fans friedlich nebeneinander feierten.Für das Duo Zappa/Beefheart bot diese Kulisse den perfekten Resonanzboden. Das texanische Publikum war hungrig nach musikalischer Grenzüberschreitung. Die Hitze und die unkonventionelle Atmosphäre des Clubs übertrug sich direkt auf die Band. Stücke wie das treibende „Carolina Hard-Core Ecstasy“ oder das schwere, bluesige „Advance Romance“ atmen den Schweiß und die Enge dieses geschichtsträchtigen Clubs.

Die Mothers of Invention als musikalisches Fundament

Damit dieses experimentelle Treffen nicht im Chaos versank, brauchte es ein rhythmisches Fangnetz. Die damalige Besetzung der Mothers of Invention lieferte dafür absolute Höchstleistungen. Mit Musikern wie dem virtuosen Schlagzeuger Terry Bozzio und dem vielseitigen Multiinstrumentalisten Denny Walley besaß Zappa eine Band, die mühelos zwischen komplexem Jazz-Rock, derbstem Blues und avantgardistischen Tempowechseln navigieren konnte. Sie hielten die Struktur aufrecht, während Beefheart und Zappa sich die kreativen Bälle (oder vielmehr Brocken) zuwarfen.

Herzstücke des Albums: Blues und bizarre Poesie

Zwei Songs definieren die Essenz dieses Albums besonders stark: „Debra Kadabra“, ein manisches Stück, in dem Beefheart mit seiner tiefen, rauen Stimme eine absurde Kindheitserinnerung an billige Science-Fiction-Filme heraufbeschwört. Es ist ein fieberhafter Albtraum aus Avantgarde und Rock.

Nach einer fast schon rituellen, gesprochenen Einleitung durch Beefheart entfesselt Zappa auf „Muffin Man“ eines der kraftvollsten, emotionalsten und am längsten anhaltenden Gitarrensoli seiner gesamten Karriere. Es ist der triumphale Abschluss des Albums.

„Bongo Fury“ ist kein leicht verdauliches Rockalbum, sondern das Dokument einer kreativen Explosion.

Dieses Live-Album zeigt, was passiert, wenn strikte Disziplin auf absolute, ungezähmte Freiheit trifft. Es war das letzte Mal, dass Zappa und Beefheart in dieser Form ausgiebig zusammenarbeiteten. Das Album und die legendären Konzerte in Austin bleiben ein Denkmal für zwei Künstler, die sich weigerten, sich den Regeln der Musikindustrie zu beugen, und die stattdessen ihr ganz eigenes, unberechenbares Universum erschufen.

 

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Bongo Fury, Frank Zappa, Captain Beefheart und The Mothers of Invention. Live at Armadillo World Headquarters in Austin, Texas, 1975

Weiterführend Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet „Zappas Mothers of Invention“ als „politisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill“ wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war Frank Zappa neben Carla Bley einer der bedeutendsten und prägendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts.

Am 27. Juni 1966 erschien von den Mothers of Invention nicht nur die mit der ersten Do-LP der Musikgeschichte sondern auch das erste Konzeptalbum. Und damit ein Jahr vor dem völlig überschätzten Album der Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band.

Eine letzte Erinnerung an The Yellow Shark, Frank Zappa and Ensemble Modern.

Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart sollte nicht unerwähnt bleiben.

Eine letzte Erinnerung an Eine letzte Erinnerung an Captain Beefheart und sein Meisterwerk Trout Mask Replica