das Forellenquintett

München, 17.2.1943

Liebe Lisa!
Ich lasse mir gerade das Forellenquintett vom Grammophon vorspielen. Am liebsten möchte ich da selbst eine Forelle sein, wenn ich mir das Andantino anhöre. Man kann ja nicht anders als sich freuen und lachen, sowenig man unbewegten oder traurigen Herzens die Frühlingswolken am Himmel und die vom Wind bewegten knospenden Zweige in der glänzenden jungen Sonne sich wiegen sehen kann. O, ich freue mich wieder so sehr auf den Frühling. Man spürt und riecht in diesem Ding von Schubert förmlich die Lüfte und Düfte und vernimmt den ganzen Jubel der Vögel und der ganzen Kreatur. Die Wiederholung des Themas durch das Klavier – wie kaltes klares perlendes Wasser, oh, es kann einen entzücken.
Lass doch bald von Dir hören.
Herzlichst!
Deine Sophie

 

 

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Die Namen Hans und Sophie Scholl sind mit der studentischen Widerstandsgruppe »Die Weiße Rose« untrennbar verbunden. Die von Inge Jens besorgte Edition ihrer Briefe und Aufzeichnungen enthält eine Fülle bisher unveröffentlichter Seiten, die das Bild von Hans und Sophie Scholl vertiefen, Ursprung, Zusammenhänge und Motivationen ans Licht heben. Hans und Sophie Scholl selber bekunden, wie sie sind und sich bilden.
Bestimmend für die Geschwister sind Elternhaus, süddeutsche Art, Elemente der Jugendbewegung, reifende Religiosität und mit ihr die Empfänglichkeit für Lehre und Umgang der den Nationalsozialismus verdammenden katholischen Schriftsteller Carl Muth und Theodor Haecker. Die ernsthafte Beschäftigung mit bildenden Künsten und Musik; Freundschaften, Wandern und Sport, die Erfahrung von Fröbelschule, Reichsarbeitsdienst, Studium, Kriegsdienst an West- und Ostfront tragen bei zur Auflehnung gegen die Unterdrücker. Keine Todessehnsucht, aber Todesbereitschaft inmitten von Lebensbejahung und Zuversicht, immer auf der Suche nach der Wahrheit, nach Gott, immer im Zeichen dessen, was dieser Menschen Leitendes und ihre letzte Botschaft war: Freiheit!