Der erste Ton des Gitarrensolos von Still Got The Blues ist kein Beginn, er ist ein Einbruch. Moore schlägt die Saite nicht an; er entbindet sie von der Stille.
Es gibt Momente, in denen die Maschine nicht mehr geölt, sondern betankt werden muss. Der Hard Rock der achtziger Jahre war eine solche Maschine: hochgezüchtet, mechanisch, im Leerlauf der eigenen Geschwindigkeit gefangen. 1990 reißt Moore die Motorhaube auf. Er sucht nicht nach Treibstoff, sondern nach Herkunft. Der Blues ist keine Innovation; er ist die Freilegung des Fundaments, auf dem der Asphalt überhaupt erst gegossen wurde. Ein Stilwechsel ist hier kein Umzug, sondern die Rückkehr in ein Haus, das man nie ganz verlassen hat.
Während die Rhythmusgruppe den Herzschlag des Zuhörers unerbittlich weitertreibt, weigert sich Moores Gibson Les Paul, zu sterben. Es ist der Versuch, den Schmerz so lange in die Länge zu ziehen, bis er sich in Schönheit verwandelt.
Wer das Album hört, betritt ein Kabinett der Geister. Albert King und Albert Collins stehen nicht als Dekoration im Raum; sie sind die Statuen, die plötzlich anfangen zu sprechen. Ihre Gitarren sind Werkzeuge einer älteren Ordnung. Wenn Moores moderne, sustain-reiche Gibson Les Paul auf das raue, kantige Spiel dieser Meister trifft, begegnen sich zwei Epochen. Es ist die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Der Blues wird nicht konserviert, er wird elektrisiert.
George Harrison schrieb „That Kind of Woman“ ursprünglich für sein eigenes Projekt, reichte das Stück jedoch an Gary Moore weiter.
Ein Song wie „That Kind of Woman“. George Harrison reicht Moore ein Stück Stoff, gewebt aus der Melancholie der Beatles. Harrison überließ Moore nicht nur die Komposition, sondern prägte das Stück auch im Studio mit seiner Gitarre und seinem Hintergrundgesang. Es ist, als würde ein Meister einem anderen das Werkzeug leihen. Harrisons Handschrift ist in jeder Note spürbar, obwohl sein Name auf der Vorderseite des Covers schweigt. Das Stück bricht mit der typisch schweren Blues-Rock-Ästhetik des Rests des Albums. Harrisons unverkennbares Slide-Gitarrenspiel bringt eine fast spirituelle Leichtigkeit in Moores dicken, cremigen Sound. Hier begegnen sich der melancholische Pop-Intellekt der Beatles und die urwüchsige Kraft des irischen Blues. Hier zeigt sich: Der Blues ist elastisch genug, um die Pop-Sensibilität eines Fab Four in sich aufzusaugen, ohne seine Schwere zu verlieren.
Unter dem rauen Gewand des Blues verbirgt sich eine barocke Architektur. Die Akkordfolge – ein unerbittlicher Kreis aus Moll-Akkorden – folgt der Logik einer klassischen Passacaglia.
Der Erfolg ist eine Quittung, die man erst im Nachhinein lesen kann. „Still Got The Blues (for You)“ wird zum weltweiten Exponat. Warum? Weil Moore das Paradoxon gelingt, den Schmerz massentauglich zu machen. Die Single ist kein Produkt des Kalküls, sondern die kommerzielle Einlösung einer inneren Notwendigkeit. Die Charts, sonst der Ort des Flüchtigen, müssen für einen Moment innehalten vor diesem permanenten, langgezogenen Ton, der im Radio verhallt wie ein Schrei in einer leeren Fabrikhalle.
Das Instrument weiß, was der Verstand verdrängt: Der Blues bleibt. Er ist keine vorübergehende Laune, sondern die chronische Verfassung des modernen Menschen, der in der Masse einsam bleibt.
Man muss diesen Sound sehen, nicht nur hören. Die Tränen, die Moore aus den Saiten presst, sind von einer fast plastischen Greifbarkeit. Das Cover des Albums – der Junge im Zimmer, umgeben von Postern, die Gitarre im Anschlag – ist die Urform des Sammlers. Moore sammelt seine eigenen Erinnerungen und gießt sie in schwere Akkorde. Der Blues ist das langlebigste Material; er altert nicht, er setzt lediglich Patina an.
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Still Got The Blues von Gary Moore, 1990
Weiterführend → Rhythm & Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Wir betrachten die Cowboy Junkies Geburtshelfer der Americana. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgründigen Folk-Songs: Both Sides Now. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosphäre einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie Dr. John. Die Delta-Blues-Progression des Captain Beefheart muss dahinter nicht zurückstehen, eine gute Einstimmung für sein Meisterwerk Trout Mask Replica. Wir lauschen der ungekrönten Königin des weißen Bluesrock. Und dem letzten Werk der Doors. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom Memphis Slim. In der Reihe mit großen Blues-Alben hören wir den irischen Melancholiker. Lauschen dem Turning Point, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den Swordfishtrombones, von Tom Waits und den Circus Songs von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter Blueser?