Bei dem Album „The Mix“ von Kraftwerk handelt es sich um Bearbeitungen. Es enthält keine Originalaufnahmen, sondern eine Auswahl von markanten Stücken aus den Jahren 1974 bis 1986, die im bandeigenen Kling-Klang-Studio komplett neu arrangiert, digitalisiert und aufgenommen wurden.
Wo das Original ein Denkmal war, ist das Remake ein Umzugskarton. Ralf Hütter bricht die Zelte der analogen Erinnerung ab. Er transportiert nicht die Musik, er transportiert die Daten. Das Kling-Klang-Studio ist kein Tempel des Genius mehr, sondern eine Packstation für das digitale Nirgendwo.
Das 24-Spur-Analogband war ein Speicher von Zeit. Es besaß Staub, Rauschen und das physische Gewicht von gedehnter Magnetik. Die Digitalisierung ist der Reißwolf, der diese Patina frisst. Im Jahr 1991 wird das historische „Zeitfenster“ nicht geöffnet, sondern verglast. Die Songs von 1974 bis 1986 verlieren ihr Geburtsdatum. Sie werden sterilisiert, um in den Clubs von Detroit und Berlin als funktionale Ware zu zirkulieren.
Karl Bartos sieht das Werk von außen und erkennt das Paradoxon: Wer seine eigene Vergangenheit remixt, betreibt Leichenschändung am eigenen Mythos. Der Urheber, der zum eigenen Automechaniker wird, zerstört die Distanz, die das Kunstwerk atmen lässt. Die Aura lebt von der einmaligen Erscheinung einer Ferne, so nah sie auch sein mag. „The Mix“ hebt diese Ferne auf. Das Einmalige wird zum unendlich abrufbaren Algorithmus.
Kraftwerk war einst die Avantgarde, die das Menschliche im Maschinellen suchte. Mit diesem Album kollabiert die Suche im reinen Standard des Marktes. Die Optimierung für die Clubszene ist die Kapitulation des Unwiederholbaren vor dem permanenten Takt. Der Computer schneidet nicht das Band; er schneidet die Seele aus dem Klang. Was bleibt, ist die perfekte, kalte Oberfläche – ein Spiegel, in dem sich nur noch die Gegenwart des Konsums bespiegelt.
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The Mix, Kraftwerk 1991
Weiterführend → Es gibt wahrscheinlich keine andere Band, die sich bereits in einem frühem Stadium ihrer Arbeit so intensiv um den Vorlass gekümmert hat. Mit diesem Album besteht die Arbeit dieser Band, sich beständig zu Remixen, es ist Pop mit Pensionsanspruch. Dies sollte münden in „3-D Der Katalog“, einem Set aus DVD und Blu-ray, als Doppel-LP sowie als Box mit allen Alben auf insgesamt neun LPs erhältlich. Dazu gehören die Alben »Autobahn« (1974), »Radio-Aktivität« (1975), »Trans Europa Express« (1977), »Die Mensch-Maschine« (1978),»Computerwelt« (1981), »Techno Pop« (1986), und »Tour De France« (2003).