Um die Häuser

21. April 2017
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„Wände, so wird erzählt, haben Ohren. Ist es so, haben sie auch einen Mund? Und wenn ja, können sie sprechen? Ist es der Fall, sind wir fähig, sie zu hören, und wenn – was hören wir?“ – so skurril, rätselhaft und ironisch-hintergründig führt Roland Bergère, der in der Bretagne groß geworden ist, das Eingangsobjekt seiner dritten Ausstellung in der Galerie amschatzhaus ein. „Um die Häuser“ heißt der doppeldeutige Titel seiner Schau, der allerdings eindeutig gemeint ist, denn tatsächlich geht es in der Ausstellung um Häuser, und nicht darum, etwa „um die Häuser zu ziehen“, wie es umgangssprachlich heißt.


In der Tradition von Künstlern wie Marcel Broodthaers oder Christian Boltanski variiert Bergère sein Thema ebenso tiefgründig wie vielgestaltig: Mal ist es ein kleiner Fensterladen aus Zink, aufgezogen auf Holz zur Assemblage, zum Ausstellungsobjekt geadelt. Dann wieder sind es minutiöse Zeichnungen, Serien von Aufklebern, säuberliche oder eher verschwommene Aquarelle.
Bisweilen werden sie mit eigentümlichen Texten versehen, Geschichten oder hermetischen Prosafragmenten, die den Objekten zusätzlichen Zauber verleihen.
Wenn in manchen Stücken der Bezug zum Thema klar zu erkennen ist, wird er in anderen eher verborgen oder tarnt sich als ironische Anspielung, etwa in der Arbeit „La Porte/Die Tür“: Diese besteht aus einem in Streifen geschnittenen und dann zu Lochkarten perforierten Foto, daneben eine kleine Spieluhr, die dem ersten Eindruck nach mit den Lochkartenstreifen betrieben werden könnte. Doch was hat das mit einer Tür zu tun? Man könnte das Bild, das Foto und Spieluhr miteinander schaffen, entfernt als stilisierte Tür interpretieren. Doch der erklärende Text zeigt, dass der Themenbezug viel mehr in die Tiefe geht: „Der letzte Ausweis von Walter Benjamin bei der Bibliothèque Nationale Française trug die Nummer 3454, Zahlen, die auf einer Tonleiter folgende
Noten ergeben: mi – fa – so – fa [E F G F]. Diese vier Töne wurden auf einem Foto des Eingangs der Nationalbibliothek variiert und perforiert.“ Der Bibliotheksausweis öffnet eine Tür, und zwar jene, die auf dem Foto abgebildet ist. Walter Benjamin, der jüdische Intellektuelle, der während der Nazizeit in Paris zwischenzeitlich sein Exil gefunden hatte, forschte in der Nationalbibliothek intensiv – im Rahmen seiner Arbeit am legendären „Passagenwerk“. Sein Bibliothekausweis ist demnach die Tür zum Wissen, zur Geschichte, zum weitläufigen Haus des Geistes.
Allegorisch auch die Themenreferenz bei der Arbeitsserie: „Les dos des photos/Der Rücken der Fotos“ – Bergère versteht Papierabzüge von Fotos gewissermaßen als ihre „Fassade“, auf die Rückseite alter Fotografien hat er nun ihr Motiv in Aquarellfarben farbig nachgetuscht. Denn hinter jedem dieser Schwarzweiß-Bilder von annodazumal stand früher eine bunte Wirklichkeit.
Bergéres Ausstellung ist ein poetisches Schaustück, Bild und Objekt gewordene Geschichte. Ruhig und mehrbödig laden sie den Betrachter dazu ein, sich Gedanken zu machen über Zeit, Raum und Gedächtnis – und damit nicht zuletzt über den Wert und die Zielvorstellun-gen der menschlichen Existenz. Bergères „Häuser“ sind Behältnisse für das Nachdenken, anregende Vehikel für die Begegnung mit sich selbst, eine Gelegenheit, die man nicht verpassen sollte.

 

***

Vernissage: 29. April 2017, 16.30 Uhr: Roland Bergère – Um die Häuser
amschatzhaus, Hauptstr. 18, 41472 Neuss

Ausstellungsdauer: 29.04.30.06.2017
täglich geöffnet immer nach Vereinbarung unter 0171-545 7885

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