Der letzte ›aussersprachliche‹ Punkt

Ein Gesamtwerk auf nur 263 Textseiten – weniger noch, wenn wir uns auf Daniel Walters immanentes Werk konzentrieren möchten und die – ohne jeden Zweifel die Edition erklärende und veredelnde – Tara: das sehr persönliche Vorwort des Herausgebers Christian Kläui, das minutiös analysierende, sowohl Walters Schreiben als auch dessen Position in der heutigen Schweizer Literatur erhellende Nachwort des Philosophen und Literaturkritikers Samuel Moser und den zehnseitigen Anhang mit Textnachweisen, subtrahieren.

Wer dieses schriftstellerische Lebenswerk ob mangelnder, in unserem des Geistes weitgehend entledigten und Lärm und Bling-Bling – freilich, wie es sich gehört, mit Similisteinen besetzt – präferierenden Heute oft als Wertmaßstab angelegter Quantität als verdächtig wahrnimmt, wird spätestens nach eingehender Beschäftigung des vorliegenden Konvolutes aus Vollständigem und Bruchstücken, aus Publiziertem und bislang Unveröffentlichtem, eines Besseren belehrt; spätestens, denn dass hier kein Strass funzelt, sondern echte Diamanten glitzern, wird schon bei einem ersten kursiven Überflug flagrant. Ein nicht endender Höhenflug, um beim Bild zu bleiben, oder als paradoxe Allegorie: ein Höhenflug mit reichlich Tiefgang.

Die von weissbooks gewohnt solide Edition (gebunden, mittleres Format, Hardcover mit dem kultigen cellophanierten weissbooks.w-Schriftzug, der sich auf dem weißen und schnörkellosen Schutzumschlag tiefschwarz sozusagen repliziert, FSC-zertifiziertes Papier, und – gleichsam Bestandteil des DNA-Profils jeder weissbooks-Ausgabe – das großformatige ausdrucksstarke Autorenfoto, das obendrein von der Autorität für Autorenportraits – Isolde Ohlbaum – realisiert wurde) präsentiert das Werk Daniel Walters in drei Abteilungen: Gedichte – unveröffentlichte Gedichte – Prosa.

Zu Lebzeiten veröffentlichte Walter neun Gedichte, drei davon, geschrieben im November und Dezember 1978, als Miniaturzyklus Gedichte für Regine Bebié (und SAN MARCO) – hier bereits der Zweifel an der Möglichkeit des Ausdrückbaren (»Die Sprache der Beschreibung hat zu schweigen begonnen« (in dieser meiner Welt)) – und, neben zahlreichen Skizzen und Romanausschnitten, die in Literaturzeitschriften abgedruckt wurden, nur zwei vollendete, geschlossene Prosawerke: 1975 Aus einer heftigen Nacht. Fünfzig-Tage-Buch1 und 1984 die Erzählung Die Phiole ohne Blume2, die im Piper Verlag erschien.

Aus einer heftigen Nacht, Walters erstes, 135 Seiten umfassendes Buch, das im vom genialen Buchgestalter Franz Greno nach dessen Frankfurter Ära bei Zweitausendeins gerade gegründeten Verlag, seinerzeit noch im hessischen Heusenstamm angesiedelt, herauskam, fehlt in der vorliegenden Werkausgabe: der Autor hat es in seinem letzten Willen so verfügt. Ein (Fünfzig-Tage-) Buch, das offen blieb, dessen Inhalt nicht festgelegt war, eine Collage von Texten, Fotos, Skizzen und sogar leeren Seiten, ein Buch, das sich weiterschreiben sollte in unzähligen Versionen, mit Hinzufügungen des Lesers, und das vielleicht für Daniel Walter nach der Veröffentlichung, so dürfen wir mutmaßen, aus der Hand gegeben also, wahrscheinlich nicht aus dem Kopf war aber materiell nicht mehr existierte, nicht mehr existieren sollte.

Verleger Rainer Weiss war mit Daniel Walter auf besondere Weise verbunden: er besuchte – in seiner damaligen Funktion als Lektor beim Piper Verlag – den Autor im Jahr 1983 in Biel. Dr. Weiss betreute die Phiole ohne Blume und es entwickelte sich eine Freundschaft zu dem jungen schweizer Schriftsteller, einem »eleganten, wütenden und verzweifelten Herren« – so beschrieb ihn der inzwischen ehemalige Lektor einmal, viel später. Vierunddreißig Jahre nach diesem Treffen verdanken wir Rainer Weiss und der für das operative Geschäft bei weissbooks verantwortlichen Mitgesellschafterin Anya Schutzbach sowie dem Herausgeber Christian Kläui – enger Freund Walters und von diesem als literarischer Nachlassverwalter eingesetzt – eine kleine verlegerische Meisterleistung, die das besonders komplexe Ideengebäude des Autors, der – geboren 1953, gelernter Verlagsbuchhändler, Sohn des Schweizer Verlegers und Schriftstellers Otto F. Walter – einmal eine der großen Hoffnungen der Schweizer Literatur verkörperte, in seiner Gesamtheit gleichsam gebührend archiviert als auch zum Entdecken oder Wiederentdecken der Öffentlichkeit zugänglich macht.

In der Medizin bezeichnet Konvolut eine Verwachsung oder Verschlingung zum Beispiel von Blutgefäßen. Die hier sich ausbreitenden, zu Sätzen erstarrten Gedanken, Betrachtungen, Texte, Skizzen, Komponenten, Konstrukte, Poesien, Utopien, Hoffnungen und Hoffnungslosigkeiten, das Material, die in den konzeptuellen Raum gestellten Teilstücke für Romane (Elisa, Benedikt), der Beginn einer möglichen Erzählung (Ann Bernet) – mehrfach ursprünglich nicht einmal mit Titeln versehen (welche dann von Christian Kläui gesetzt wurden) – scheinen sich, zumindest wenn man das Buch tatsächlich wie eine abgeschlossene Geschichte behandelt, es ohne durch das Zwischenlesen anderer Texte von anderen Autoren vom Anfang bis zum Ende durchgeht, übereinander zu schieben, ineinander abzubilden und sich andauernd zu ergänzen. Verschlingungen aus Beobachtung und Fragen, aus Sehnsüchten und räumlichen sowie zeitlichen Ordnungsversuchen, von denen Daniel Walter nicht wirklich substanzielle Ergebnisse erwartet: »Ich ziehe die fragen vor, die ohne antwort bleiben« [Majuskeln im Original], meint das lyrische Ich in Die Kinder von Marx und Coca-Cola (Jean-Luc Godard), im Titel referenzierend auf den Film des für die sechziger Jahre bedeutenden Französischen Filmregisseurs – der, wie es im dossier pédagogique no 84 des Centre Pompidou authentisiert wird, das Kino revolutionierte3 – aus dem Jahr 1966 (Originaltitel des Films: Masculin, féminin: 15 faits précis), von dem es heißt, mit diesem Film beginne Godards Interesse an der Politik.

In einem weiteren auf den Titel eines Werkes Godards – eine der vier Sequenzen des von vier Spielleitern komponierten Episodenfilms RoGoPaG (Rossellini, Godard, Pasolini, Gregoretti), in der der Protagonist sich von den Verhaltensänderungen seiner Mitmenschen nach einer atomaren Explosion über Paris zu distanzieren versucht, indem er seine Beobachtungen aufschreibt – bezugnehmenden Gedicht, Le nouveau Monde (Jean-Luc Godard), das tagebuchartig das Datum 22. August 1974 enthält, wird der Wunsch formuliert [Majuskeln im Original]: »jenen klinisch bekannten zustand der Melancholie einfach leidwerden«.

In der Phiole ohne Blume, die wir als Dokument einer Bewusstseinsspaltung lesen können, wird die um sich greifende Melancholie im Absturz in die Leere enden. Die anfangs als Sinnestäuschung wahrgenommene phiolenartig geformte durchsichtige Vase wird am Ende zur narrativen Identität. »Während sie sich aufmachte zu verschwinden, kam ihm der Gedanke, diese Vase sei leblos, tot, tot wie er es war, und er nannte sie Die Phiole ohne Blume, denn keine Blume würde jemals aus ihr Blühen.«

»Er und er sassen [Schreibweise im Original] sich gegenüber«, so beginnt Zero. Die Zeit, in der ich schreibe.

»Zero«, so Walter in einem handschriftlichen Zusatz, benenne einen Zustand, der unmittelbar vor dem Beginn unserer artikulierbaren und artikulierten Sprachgeschichte vorzustellen sei als der letzte »aussersprachliche« Punkt. Einmal in der Sprache, das heißt für den, der aus jenem Ausgangspunkt einmal zu sprechen und zu schreiben begonnen hat, sei eine Rückkehr nicht möglich [Samuel Moser] – und weiter: die Leere zu füllen gelinge Walter zwar nicht, aber gestalten zu können, müsse sein Glück gewesen sein.

Gestaltung durch Introspektion soll nicht vordergründig zu Selbsterkenntnis führen; der Anspruch des Dichters ist zügelloser: es geht ihm um Welterkenntnis, um Bewusstsein in Zeit und Leere – Zeit und Leere werden. Die Leere ist für Walter mitnichten ein Nichts – wie es mit den leeren Seiten in Aus einer heftigen Nacht bereits angedeutet worden war, die ja einen Sinn enthielten: die Erwartung einer Ausgestaltung, also einer Sinngebung. [Siehe auch »Die Null« als Zahl im Gedicht Ein und Alles.] So wie das Quantenvakuum der modernen Physik, das das sogenannte Nichts als ein komplexes, strukturreiches Gebilde beschreibt, dessen Nullpunktsenergie nicht Null sein kann, und das also niemals leer ist, so sind Ereigniszeit und Eigenzeit, in denen Walter sich literarisch bewegt, niemals leer, obgleich er kein Ziel erreicht. Gegeneinander und miteinander laufende Eigenzeiten müssen sich nach Niklas Luhmann je neu behaupten und diese Behauptungsdynamik bringt irrsinnigerweise selbst wiederum erst die Zeit hervor. Daniel Walter scheint diesem Paradoxon instinktiv auf der Spur zu sein. Aber in seiner Zeit-Sinn-Gravitation kommt es bis zur Infragestellung der Sprache überhaupt, zum möglichen Ende von Geschichte, Bewusstsein, Welt, und sehr konkret sogar bis zum faktischen Ende der Poesie als Teil seiner Poesie. Gedanken und letztendlich Figuren bleiben in der Schwebe, verirren sich, alles bleibt offen. Oder sie gehen zugrunde! Ihre Welt zerbricht, ebenso wie das Ich. Das erzählerische Ich. Das reale Ich?

Samuel Moser leitet sein Nachwort mit der Kierkegaard’schen Konzeption des rückwärts Verstehens und vorwärts Lebens ein:

Alles, was geschieht, begreifen wir in drei Schritten. In

der Gegenwart erinnern wir die Vergangenheit und sehen

die Zukunft als Möglichkeit voraus.

Walters erste Gedichte und Prosaskizzen der siebziger Jahre sind naturgemäß noch von den Eindrücken des Jahres 1968 getönt, wenngleich minimal. Doch dann fehlt eine Fortsetzung und idealerweise eine Entwicklung der bereits gewiss gescheiterten Neuformung, was sich in der zweiten Jugendbewegung der achtziger Jahre wiederholt. Daniel Walters Umgang mit der Zeit als nicht-lineares Phänomen und unserer Behausung in ihr, letztendlich zwingend zur Orientierungslosigkeit führend, sowie die Nähe zur Angst vor Auflösung, vor dem Scheitern, ist in seinen Texten eine wiederkehrende Kernkompetenz.

Ausgerechnet die Erzählung einer Bewusstseinsspaltung als Beschreibung eines Zustandes in drei Bildern, führt – nicht nur aufgrund ihrer Abgeschlossenheit – den Dichter zum Erfolg. Aus Zelle, Dachkammer, psychiatrischer Anstalt entwickelt sich das ErSieEs, die Phiole ohne Inhalt, Metapher für Fragilität, Transparenz und Leere: das Fehlende wird sichtbar. In Die Zeit, in der ich schreibe längst das Bekenntnis wie ein Aufschrei: »Die Zeit bin ich. Bin ich nicht, schreibe ich, die Zeit, in der ich bin.« Und der Erzähler bemerkt das Fehlen einer »aussersprachlichen« Ausdrucksmöglichkeit, er sucht danach: hier noch einmal das Vorhaben, Leere, die nicht leer ist und die Zeit, die Text und erzählendes Ich ist, in eine Form zu bringen: »Die Seiten … und … des Buches bleiben unbeschrieben und sind genannt: ›1 Zero‹.«

Das schmale Werk Daniel Walters ist für die meisten Deutschen Leser heute sicher ein Geheimtipp – doch ob es nun als abgeschlossen oder offen gedeutet werden mag, es stellt fraglos einen Höhepunkt Schweizer Literatur da, seit diese in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu neuer internationaler Geltung fand.

Wer mit Daniel Walters Texten schon einmal in Berührung gekommen ist, wird die jetzt verfügbare sorgsam edierte Gesamtausgabe seiner Texte begrüßen, um das gewaltige Psychogramm des Dichters und seiner Umwelt zu reminiszieren; für den erwartungsvoll Entdeckenden erschließt sich ein Organismus aus gläserner – durchscheinend wie eine Phiole – schriftstellerischer Auseinandersetzung einer unterschwellig im Konjunktiv stattfindenden Wirklichkeit. So mag er wohl manchmal mit der Luzidität einer Ilse Aichinger daherkommen (wie Samuel Moser interpretiert), was ihm jedoch völlig fern liegt ist deren im späten Werk zunehmende Verknappung der Sprache. Aichinger bemerkte einmal die fehlenden Zusammenhänge in der Welt der Gegenwart. In einem Interview mit Iris Radisch, veröffentlicht in der ZEIT im November 1996, sagt die zu diesem Zeitpunkt fünfundsiebzig Jahre alte Ilse Aichinger: »Aber Schreiben hängt mit dem Tod zusammen«.

Samuel Moser lenkt unseren Blick für einen Moment auf den Satz Leonardos, der in der Dachkammer des Erzählers der Phiole ohne Blume hängt: »Ich glaubte leben zu lernen, ich lernte sterben«. Interpretationen, Anpassungen an das Leben des Autors seien jedem selbst überlassen.

Walters Werk, durchaus als abgeschlossen lesbar, hinterlässt einen Eindruck, den der letzte Satz [Seite 87] der Prosaskizze Zero hervorruft: »Als sei der Sand zerfallen durch das Sieb in die Körner; in die Bestandteile das Ganze: Die Sprache der Wörter.«

Sand hat keinen Halt; obgleich seine Bestandteile sichtbar sind, zerfließt er in Transparenz, dem Wasser gleich. Vielleicht stimmt es, dass Daniel Walter scheitern musste, weil er keinen Halt fand. Sein schriftstellerisches Werk jedoch sollte nicht als ein Scheitern verstanden werden. Es ist alles in allem in sich selbst in einem unheimlich anmutenden Zusammenhang verflochten; ein Konvolut eben.

»[…] vielleicht sollte ich mich in die Wirklichkeit / verlieben / ein Realist werden / und nur noch im Schlaf träumen« – lesen wir in dem Gedicht Elegie in Beton aus dem Januar 1972.

Ein Träumer? Ein Tagträumer obendrein? Analyst und Utopist vielleicht – aber ein Träumer war Daniel Walter höchstens im Sinn des ethischen Idealismus. Utopie und Vermutung, Konflikte ohne entschiedene Antworten, ohne Auflösung und Endgültigkeit. Die Fragen: »Gäbe es eine Maxime, die sämtliche Lebensbereiche, auch die imaginären und die vermuteten, zu überschreiben im Stande wäre, gäbe es dann die Utopie und ihren Begriff?« und »Gäbe es den Begriff Maxime ohne die Lebensbereiche oder ihre Präsenz im Bewusstsein, auch die der Vermutung?« werden bei Daniel Walter in Zero. Die Zeit, in der ich schreibe mit nein und doch ja beantwortet. Ihm ist evident, dass jede literarische Wirklichkeit unzureichend bleiben muss, dass ihr unmöglich ist, Utopie selbst zu werden. Wirklichkeit ist vorstellbar und das Überschreiben mit literarischer Wirklichkeit bleibt Annäherung; die Sprache wird, sogar wenn sie bei »Zero«, bei Null beginnt, hier in ihre Grenzen verwiesen.

In den Nachsätzen zur Phiole ohne Blume wird die Textstelle »Als das Gewebe einer ganz himmlischen Einsamkeit ist ›Das Schweigen‹ einmal benannt worden« (Seite 166) kommentiert: »In George Steiners ›Sprache und Schweigen‹ heisst [Schreibweise im Original] es: ›Es ist aber eine schlüssige Tatsache, dass auch Sprache ihre Grenzen hat, dass sie an drei weitere Arten und Weisen der Bekundung grenzt – Licht, Musik und Schweigen –, was den Beweis für eine transzendierende Gegenwart im Gewebe der Welt liefert.‹«4

Hinterlassen hat Daniel Walter uns mit der Totalität seiner Niederschriften nicht gerade ein Hypomnema aber das materialisierte Gedächtnis eines Dichters, der versuchte – im besten Sinn Kierkegaards – die Zukunft als weltkonstituierende Subjektivität vorauszudenken und als sinngebende Entität einzuverleiben, und die Fragen ohne Antworten eines Denkers, der alles wollte und vielleicht deshalb nicht konsequent voran kam, der unfähig war, sich linear zu ordnen und ein anderes Ziel zu finden als die Leere, die doch für ihn, so dachten wir, niemals leer gewesen  sein konnte.

Daniel Walter schied, seit langem von einer psychischen Erkrankung gepeinigt, am 9. September 2008 aus dem Leben.

 

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Das Gesamtwerk von Daniel Walter. Herausgegeben von Christian Kläui. Mit einem Nachwort von Samuel Moser. 263 Seiten, mittleres Format, gebunden. Erschienen bei weissbooks, Frankfurt am Main, 2016.


1 Daniel Walter: Aus einer heftigen Nacht / Fünfzig-Tage Buch – Greno, Heusenstamm, 1975

2 Daniel Walter: Die Phiole ohne Blume / Erzählung – Piper GmbH & Co Verlag, 1984

3 »Godard est un cinéaste qui a profondément révolutionné l’écriture cinématographique et changé notre regard.«
Centre Pompidou, Paris, Dossier pédagogique no 84: Jean-Luc Godard

 4 George Steiner: Sprache und Schweigen / Essays über Sprache, Literatur und das Unmenschliche – Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1969