Diskrete Mathematik 1 – 3

5. Mai 2012
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1 Durch Häuser gehen

Ich träumte von einer Stadt ohne Straßen und Bürgersteige, in der man, wenn man einen Spaziergang machen wollte, von einem Haus ins andere gehen musste.

Zeichnung / Collage von Arno Kappe

In der Regel begegneten einem die Hausbewohner freundlich; meistens sahen sie einen aber überhaupt nicht, weil sie in genau dem Moment den Raum verließen, in dem der Spaziergänger ihn betrat. Warum das so war, darüber hatte sich schon so mancher Gelehrte den Kopf zerbrochen. Mathematiker sprachen von der Asymmetrie des Zufalls. Gebäudediagnostiker führten dieses Phänomen jedoch auf die schlichte Tatsache zurück, dass durch den Luftzug, den ein Spaziergänger beim Eintritt in ein Haus verursachte, auf der gegenüberliegenden Seite Türen oder Fenster knarzten, die der Hausbewohner dann schließen wollte. Wie dem auch sei − drehte sich doch mal ein Hausbewohner um und entdeckte einen Spaziergänger, so grüßte er ihn freundlich und ging weiter, denn die meisten Menschen sind weder Spaziergänger noch kennen sie Gebäudediagnostiker.

2 Eine Menge möglicher akzeptierender Zustände

Viele Menschen glauben, dass sie durch Heiraten in eine andere Welt gelangen. Was sie aber nicht wissen, ist, dass dies in Wirklichkeit durch ›bewegtes Weiß‹ geschieht. D.h., wenn sie in weißen Kleidern tanzen, entsteht ein Nebel, der sie in diese andere Welt bringt. Sie wissen natürlich genausowenig, dass sie durch den gleichen Vorgang wieder in den alten Zustand zurückgeholt werden können, was sich quasi kaum vermeiden lässt. Sie brauchen ja nur Betten aufzuschütteln oder mit einem weißen Taschentuch jemandem zum Abschied zu winken, um den Vorgang erneut auszulösen.

Deswegen ist natürlich unklar, ob sie nicht schon vor der Heirat in dieser anderen Welt gewesen und nun durch die Heirat wieder zurückgeholt werden; streng genommen passiert ein ständiger Wechsel zwischen den Welten, und es hängt ganz allein von dem persönlichen Empfinden jedes einzelnen ab, was er oder sie für die eine oder andere Welt hält.

Das eigentliche Problem liegt ganz woanders, und würden mehr Menschen darum wissen, wie viele Scheidungen könnten vermieden werden?! Was nämlich, wenn sich der Mann schon in der anderen Welt befindet, die Frau aber noch in der diesseitigen? Dann würden sie bei der Heirat die Zustände wechseln, vielleicht immer in getrennten Welten bleiben und einander nie verstehen. Es sei denn, die Frau käme auf die Idee, in Schwarz zu heiraten. Was aber möglicherweise zur Folge haben könnte, dass sie fortan die Heirat für ihr Lebensglück verantwortlich macht. (Auch muss man beachten, dass ihr Mann ja nicht zeitgleich den Zustand wechselt, wenn sie ohne ihren Mann jemanden zum Zug bringt oder ihr Mann allein die Betten aufschüttelt.)

Zum Glück gehen diese Wechsel nicht bis in alle Ewigkeit so weiter, zum einen, da das Leben endlich ist, zum andern, da Weiß nicht immer Weiß bleibt, sondern leicht verschmutzt oder vergilbt. Die Philosophen sprechen von einer Menge möglicher akzeptierender Zustände und meinen, der höchste Grad der Zufriedenheit sei erreicht, wenn man den Unterschied zwischen den beiden Welten als sehr gering erachtet. Das gelingt nur wenigen und nur denjenigen, die darum wissen, und außerdem sind die anderen Farben ja noch gar nicht erforscht.

3 Schlaf finden

Theoretisch findet mein Sohn seinen Schlaf in der oberen linken Ecke seines Bettes, tut dies aber nicht immer gleich schnell, wie überhaupt die Geschwindigkeit von Kindern einem ausgesprochen starken Wechsel unterworfen ist, durch nichts berechenbar. So dachte ich eines Tages, ich müsste ihm ein Lied singen, durch das er besser in den Schlaf finden kann, aber so schnell er schließlich auch einschlief, genauso schnell zuckten gleich darauf wieder seine Füßchen, und nichts war gewonnen, ganz im Gegenteil hatte ich nun Angst vorm nächsten Abend.

Schließlich will man selber auch mal schlafen – der Hauptgrund, warum man überhaupt Systeme zum Kinder-ins-Bett-bringen entwickelt –, denn der Kinderschlaf ist ja nicht wichtiger als der Erwachsenenschlaf (höchstens empfindlicher); und Geduld hat man verlernt in den Jahren der Kindererzeugung, denn neun Jahre braucht man für die ›Erzeugung‹ eines Kindes, nicht neun Monate. (Neun Monate – das ist lediglich die üblicherweise benötigte Zeit, sich einen geeigneten Namen zu überlegen.)

Wissenschaftler vermuten, dass die Eignung des Namens einen erheblichen Einfluß auf die Einschlafgeschwindigkeit von Kleinkindern hat; wenn zum Beispiel ein Kind Christine heißt und den i-Laut als unangenehm grell empfindet, kann die Diskrepanz zwischen dem den ganzen Tag über gehörten Namen und dem eigenen Wohlbefinden einen äußerst unruhigen Schlaf hervorrufen, und weil Schlafen mit Fliegen vergleichbar ist, wäre somit die ballistische Linie empfindlich gestört. Aber hieße das nicht, mit zu viel Realismus die Sache betrachten? Oder handelt es sich hier sogar um einen klassischen Fall von Koinzidenz? Diese Grübelei nun ließ mich natürlich nicht zum Schlafen kommen, und mein Sohn betrachtete die ganze Zeit seine linke Hand, als gehöre sie nicht zu ihm.

Wie wir nur unsere Kinder sähen, wenn der Blick nicht durch so viele Gedanken gefärbt wäre … In jedem Fall spiegelt sich in ihrer Suche nach Schlaf unsere Suche nach ihrem Vater, die, ob sie zur Heirat führte oder nicht – und was wir schon wieder vergessen haben – unglaublich nervenaufreibend war.

*

Anmerkung: Eine Menge möglicher akzeptierender Zustände ist ein Begriff aus der diskreten Mathematik.

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