Wenn Engel reisen lacht der Himmel

26. März 2017
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Wenn es ein perfektes Klischee gibt, dann manifestiert es sich in einer blonden Frau, die hinter einer Orgel sitzt. Kaum greift sie in die Tasten, so hat es den Anschein, als sei ein Engel auf der Erde gelandet.

Porträt: Donata Wenders

Die Pianistin Ann-Helena Schlüter wuchs in einer Musikerfamilie auf und erhielt Klavierunterricht seit ihrem vierten Lebensjahr bei ihrem Vater bis sie 17 Jahre alt war. Mit acht Jahren versuchte sie sich an ersten Gedichten. Sie wurde neben dem Musikgymnasium Würzburg und Nürnberg Jungstudentin an der Hochschule für Musik Würzburg ausgebildet. Anschließend folgte ein Klavierstudium an den Hochschulen für Musik Köln und Detmold, sie erhielt das Diplom Musikpädagogik und das Künstlerische Diplom. Schlüter gründete Duos, schreibt lyrische Texte, Prosa, Songtexte, eigene Lieder und Stücke, nahm CDs auf, unter anderem die Bach Goldberg Variationen, Chopin Balladen und eigene Improvisationen und Lieder.

Die junge Pianistin verzichtet auf dynamische Härten und damit auf eine künstliche Dramatisierung von Bachs Musik, die Bach selber auch nicht hätte ausführen können, da er keine moderne Klaviertechnik zur Verfügung hatte. Leider wurde für diese Aufnahme kein historisches Tasteninstrument gewählt, jedoch behandelt Ann-Helena Schlüter ihren modernen Flügel sehr diszipliniert und leistet damit durchaus einen „modernen Beitrag“ zur sog. historischen Aufführungspraxis.

Robert Drews

Durch ihr künstlerisches Studium von Bachs Goldberg Variationen, durch ihre Faszination von der Künstlerpersönlichkeit Johann Sebastian Bachs und nicht zuletzt durch ihre frühe Heranführung an Werke für zwei Klaviere durch das Duo mit ihrer Schwester, wurde die Autorin schon früh mit Bachs Goldberg Variationen vertraut. Ihr künstlerisches Wissen, die Wissenschaft in ihren Händen, fließen zusammen mit ihrer literarischen Begabung und ihrer Freude am Forschen hinein in den Vergleich des großen Variationszyklus mit der bearbeiteten Fassung für zwei Klaviere von Rheinberger/Reger. Zuletzt hat sie eine Sammlung von Präludien und Fugen für ein Tasteninstrument eingespielt, das Wohltemperiertes Klavier von Johann Sebastian Bach. Mit dem Begriff Clavier, der alle damaligen Tasteninstrumente umfaßte, ließ Bach die Wahl des Instruments für die Ausführung bewußt offen. Die Orgel scheidet in den meisten Fällen aus, da Bach keine separate Pedalstimme notierte oder als solche bezeichnete und die Orgeln seiner Zeit mitteltönig gestimmt waren. Der größte Teil des Werks war offenbar für Clavichord oder Cembalo konzipiert. Das Werk wird von Ann-Helena Schlüter auf einem Steinway D gespielt.

 Ann-Helena Schlüter — eine begnadete Pianistin und außergewöhnliche Lyrikerin — diesen Namen sollte man sich merken!

Jürgen Werth

Ann-Helena Schlüter zeigt sich als Mehrfachbegabung, die ihr Interesse und eine Begabung auch in der Sprache auslebt. 2013 erschien ihr erster Gedichtband „Pianolyrik op.1, Flügelworte“ beim Lorbeer Literaturverlag Bielefeld. Berits zwei Jahre später erschien ihr zweiter Gedichtband „Pianolyrik op. 2, Flügelworte“. Ende 2015 veröffentlichte sie zwei Notenbände „Pianolyrik“ mit eigenen Kompositionen für Klavier, Orgel und Kammermusik. Und Im März 2016 erschien ihr Buch „Flügel auf Reisen. Die auf den Tasten tanzt“ mit heiteren und besinnlichen Erzählungen sowie Gedichten aus ihrem musikalischen Leben. Ihre Texte nehmen das Kleinste in den Blick und lehren uns das präzise Sehen. Und sie holen das Entfernte an unser Auge heran, damit wir im Fremden und Entlegenen einen Teil von uns selbst wiederentdecken. Es sind mitunter biblische Bilder, die in den Gedichten aufscheinen und zum Meditieren einladen. Aber Schlüter bleibt geerdet. Sie benennt Probleme jenseits der himmlischen Zustände. Das lyrische Herangehen an die Sprache ist federnd, träumerisch und in der Nähe zum Liedgut. Diese Artistin schaut genau hin, sie scheut sich nicht, das Einfache einfach zu benennen und im Kleinen das große Ganze sichtbar zu machen. Am metaphorischen Dickicht dieser Lyrik mögen sich die Geister scheiden, interessant ist Schlüters Neuinterpretation der Romantik allemal.

Heute Abend spielt Ann-Helena Schlüter ab 18:00 Uhr auf der neuen Orgel in der Neuapostolischen Kirche, Hannover-Süd, Garkenburgerstr. 3.

***

Flügel auf Reisen von Ann-Helena Schlüter, Fontis-Verlag 2016

Das Wohltemperierte Klavier 1 von Johann Sebastian Bach, interpertiert von Ann-Helena Schlüter auf einem Steinway D, Hänssler, DDD, 2016

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