Fremde Kulturräume beschreiben

21. Januar 2017
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In den Überschriften der rund fünfzig Essays, die der 1968 im masurischen Bartoszyce geborene und seit 1985 im niedersächsischen Verden lebende Artur Becker in verschiedenen überregionalen Zeitungen veröffentlicht hat, taucht der Begriff ‚Kosmopolen‘ nur einmal auf: „Das Fahrtenbuch eines Kosmopolen aus Hausach“. Dort bescheinigt der Essayist dem 1961 im Schwarzwald geborenen Jose F.A. Oliver, dessen Eltern aus Andalusien stammen, er sei ein Musterkosmopole, einer, der keine Schwierigkeiten habe, „fremde Kulturräume zu beschreiben, zu betreten und zu bestaunen.“ (S. 246) Und Artur Becker, ein Romancier, Dichter und Feuilletonist, der sich nach über zwanzig Jahren in der literarischen Öffentlichkeit Deutschlands und Polens eine hohe Anerkennung verschafft hat? Er erweitert das Begriffsfeld ‚Kosmopole‘, eine Schöpfung des polnischen Exil-Schriftstellers Andrzej Bobkowski. Statt an der in der polnischen Literaturwissenschaft gängigen Vorstellung vom tragischen Schicksal des in der Fremde dahinvegetierenden Intellektuellen festzuhalten, renoviert er den bis zu Beginn der 1990er Jahre gängigen Begriff. Nicht nur die im Exil weltberühmt gewordenen Schriftsteller Czesław Miłość, Gustaw Herling-Grudziński oder Witold Gombrowicz könnten diesen ehrenvollen Titel tragen, so Becker, sondern auch alle im europäischen transkulturellen Raum schaffenden Literaten. Darunter auch zahlreiche deutsche Schriftsteller/innen, die in ihren Büchern sowieso auf der Suche nach einem neuen Zuhause seien.

Zu einem neuen Zuhause unterwegs  war auch Artur Becker im Frühjahr 1985, immer in steter Erinnerung an seine literarischen Vorbilder: Zbigniew Herbert, Joseph Conrad, Czesław Miłosz und viele andere, die schon in seiner Jugend im masurischen Städtchen Bartoszyce zu seinen Leitfiguren wurden. Deshalb steht auch das zweite Kapitel seiner Essaysammlung unter dem Stichwort „Im Geistland“. Es enthält die geistigen Orientierungslinien, in denen sich die Grundzüge eines Weltbildes abzeichnen, das eine erstaunliche Vielfalt unterschiedlicher religiöser und philosophischer Vorstellungen, lebenspragmatischer Einstellungen und privater Bekenntnisse mit öffentlicher Relevanz enthält. Sie zeichnen sich bereits im Vorspann zu diesem Kapitel ab: „Im Zug durch Deutschland“. In diesem Zug sei ihm 1985 bewusst geworden, dass er ein Kind Europas ist. Und während er durch die damalige DDR fuhr, auf dem Weg zu seinen Eltern in Verden, die bereits seit einem Jahr dort wohnten, wanderten seine Gedanken ständig zwischen Polen und Deutschland hin und her. Auf diese Weise schufen sie, auch mithilfe später gewonnener Einsichten und Erkenntnisse, die Umrisse des mythischen Lands ‚Kosmopolen‘. Dort träfe man, so Becker, nicht nur die heimatlosen Dichter und Philosophen, auch die Naiven und Ahnungslosen, „die meinen, ihre ethische Aufrichtigkeit werde sie vor jeder denkbaren Gefahr beschützen.“. Und leider begegne man dort auch Kreaturen, die für sich „keinen Platz in der Welt finden können, obwohl sie intuitiv spüren, dass es irgendwo einen heilenden Heimatort für ihre verzweifelten Seelen geben muss.“ (S. 25)

Dass dieses Kosmopolen auch ein gefährliches Land sei, wo man sich vor der Welt verstecken könne, habe er in seinem idyllischen Geburtsort Bartoszyce, an den masurischen Seen noch nicht verspürt. Erst als er später die Botschaft von Stanislaw Vincenz (1888- 1971), einem nach 1945 im deutschen und französischen Exil wirkenden polnischen Schriftsteller und Philosophen, begriffen habe, sei ihm klar geworden, dass sein Herz in Polen, sein Intellekt in Europa und sein Körper der Mutter Erde gehöre. So ausgestattet mit einer weltlichen und mythischen Trinität musste er sich nach seiner Emigration in mehrfacher Hinsicht im kapitalistischem Westen freischwimmen: in der deutschen Sprache, in seinen ersten Gedichten, die er sich anfänglich noch aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzen ließ, in der vielschichtigen deutschen Sprachphilosophie und in der literarischen Öffentlichkeit, die er mit seinem Roman „Der Dadajsee“ betrat und in dem er seine zukünftigen Topoi entdeckte. Zwischen dem polnischen mythischen Brachland mit katholischen und sozialistischen Idyllen, seinen vielschichtigen familiären polnisch-deutschen Verbindungen und der Entdeckung der deutschen Kulturlandschaft wartete eine radikale Aufgabe auf ihn, die er nicht nur in den Orten am polnischen-deutschen Kreuzweg zu bewältigen hatte. Auch auf anderen europäischen Schauplätzen, wo er sein schriftstellerisches und poetisches Handwerk erlernte, sammelte er Erfahrungen, die den Kern seines reiferen Schaffens bildeten.

Ergebnis dieser komprimierten poetologischen Erkenntnisse sind die Essays aus den Abschnitten IV und V, die dem Schaffen seiner dichterischen Vorbilder und Zeitgenossen wie deren literaturphilosophischen Einsichten gewidmet sind. Dabei fällt auf, dass er nicht nur seinen vielen osteuropäischen Vorbildern, sondern auch jenen in Westeuropa und den USA lebenden Philosophen und Dichtern huldigt, deren Werke auch sein dialektisch geschultes kosmopolnisches Weltbild bereichert haben. Besonders zu erwähnen sind hier die seit Jahrzehnten in Paris und Neapel wirkenden polnischen Exilschriftsteller Jerzy Giedroyc (1906-2000) und Gustav Herling-Grudziński (1919-2000), deren flexible bzw. unnachgiebige Haltung gegenüber den kommunistischen Machthabern Becker als Anschauungsunterricht für die Bewertung der polnischen Nach-Wende-Politik und als Lehrstück für seinen persönlichen Umgang mit erlebter Geschichte dient. In solchen Essays wie „Im Zug durch Polen“ und „Von der Spaltung der Polen“ offenbart nicht nur der Essayist seine politische Flexibilität im Umgang mit Geschichte, sie fließt auch in sein belletristisches Schaffen ein, in dem seine Figuren nicht nur unter der schicksalhaften und tragischen Geschichte leiden, sondern auch deren komische und groteske Wesensmerkmale mit polnischer Gelassenheit ertragen. Davon zeugen nicht nur seine Romane, in denen sich immer mehr eine barocke Fabulierlust abzeichnet. Doch damit nicht genug. Seine Essays beschreiben – unter Absicherung von Zeugenaussagen seiner Verwandtschaft – auch die realen Abläufe der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte. Sie sensibilisieren damit seine Leser auch für die aktuellen Diskussionen in Deutschland um die Flüchtlinge aus dem Vorderen Orient oder um den drohenden Zerfall der EU. Ist Artur Becker mit den feuilletonistischen Betrachtungen eines Zeitgenossen nun Zuhause angelangt? Im Gespräch mit Axel Helbig, Redakteur der Kunst- und Literaturzeitschrift „Ostragehege“, bezeichnet er sich als einen auf polnischen Fundamenten gereiften Dichter, der in Deutschland sein intellektuelles Rüstzeug erwarb, um nach dem Vorbild von Czesław Miłosz, der an der polnisch-litauischen Grenze aufwuchs, seinen Weg in das kosmopolnische Europa zu gehen. Dass er sein schriftstellerisches Zuhause im norddeutschen Verden fand, ist ein Glücksfall nicht nur für die deutsche literarische Öffentlichkeit sondern auch für die polnisch-deutsche Beziehungsgeschichte nach 1990 geworden. Seine offenmündigen und offenherzigen Reflexionen über eine leidvolle und oft missverstandene Geschichte der „Wiedergutmachung“ spiegeln sich in vielen seiner Essays wider. Sie sind vor allem jenen Lesern zu empfehlen sind, die sich nicht nur eine kritische Aufarbeitung polnisch-deutscher Nachkriegsgeschichte wünschen, sondern etwas über dieses Kosmopolen wissen wollen, von dem Artur Becker so engagiert und kritisch, da und dort auch ironisch erzählt.

 

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Kosmopolen. Auf der Suche nach einem europäischen Zuhause. Essays von Artur Becker. Frankfurt (Weissbooks) 2016, 446 S., 36.- Euro, ISBN 978-3-86337-105-

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