Die irdischen Bilder des Überirdischen

12. Januar 2016
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Anhand des Verhaltens von Steinmarder und Kaninchen wird gleich zu Beginn klargemacht: In der Natur gibt es bereits Kunst: Hier als artifizielles Gebaren des Jägers (Steinmarder), der ulkige Tänze aufführt, um seine naive Beute in hilfloses Staunen zu versetzen, und dann unerwartet zupackt. Und auch in uns als Zuschauer / als Mensch / als Künstler sind diese beiden Seiten vertreten: Wir wollen getäuscht werden und wir täuschen. D.h ein einfacher Gegensatz von Kunst und Natur lässt sich schon mal nicht aufstellen. Auch Natur mit Schönheit gleichzusetzen oder von Sorgen und Stolz freizusprechen, wie der barocke Dichter Friedrich von Hagedorn, trägt nicht weit.

Aber offenbar gibt es da einen Widerspruch in uns selbst.

In dem Text ‚Tierlos‘ – ein Nachwort zu Canettis ‚Über die Tiere‘ – spürt Kronauer diesen Widerspruch auf: In der Einstellung des Erwachsenen gegenüber seiner Kindheit. Als Kinder entdecken wir durch die Tiere die Welt. Sie erschließt sich uns in Form von Archetypen, die wir den einzelnen Tieren zuweisen.

Natürlich sind diese Tiere auch bloß Theater, besitzen aber eine über ihren bloße Symbolgehalt hinausgehende, spirituelle Kraft, die in der nur abstrakten, funktionalen Welt der Erwachsenen so nicht vorkommt.

Sich der Tiere anzunehmen, jenseits von Ausbeutung, Nutzbringung, Bewunderung – das allein ist der erkenntnisbringende Weg.

Sie zu vergessen, käme dem Vergessen der Kindheit gleich und führe dazu, dass wir uns noch weiter als bisher von unserem Ursprung entfernen, bis hin zur Ausrottung der eigenen Art.

Eigentlich geht es in dem ganzen zweibändigen Werk um diese Ambivalenz zwischen Kunst und Natur, und wo sie in Kunst und Natur auftaucht und allein diese Formulierung zeigt schon, dass hier ein ewiger Konflikt sich immer wieder neu wiederholt. Anders ausgedrückt: Ist der Mensch nicht Teil der Natur? Was ist er?

Die Dimension Politik verschwindet da völlig. Politische Literatur. Was heißt das: Politik. Sich auf die Seite einer Partei oder Meinung zu schlagen wohl kaum. Und von dieser tiefempfunden, erschütternden Frage (s.o.) würde das nur ablenken. Und wir waren doch schon einen Schritt weiter und Shakespeare immer noch modern…

Im roten Band geht es viel um Geobotanik, Bücher des Pflanzenökologen Hansjörg Küster, die komplett aufräumen mit Vorstellungen von einer ‚ursprünglichen Landschaft‘, die erhalten werden soll. Was ist innerhalb der Erdgeschichte bitte sehr eine ursprüngliche Landschaft? Wir erfahren, dass selbst wuchernde Wälder nicht immer das Paradies waren, nämlich für große Säugetiere nach der letzten Eiszeit. Wenn man dann noch bedenkt, wie liebgewordene Landschaften, z.B. an Orten, an denen wir aufwuchsen oder Urlaub machten, unsere Ästhetik prägen – in der Wissenschaft sieht es wieder noch ganz anders aus. Und zum Schluss reißt Brigitte Kronauer noch einmal das Ruder um und verteidigt die Notwendigkeit der Sicht der Kunst, beispielsweise in einem idealisierenden Gemälde.

Kommen wir zum weißen Band und dazu, dass ich diese Rezension eigentlich mit dem Wort ‚Asyl‘ beginnen wollte. Es geht hier um die Flucht des tief in seiner Seele einsamen Menschen in ein kleines Bild, das Idyll, als Zuflucht, als einzige wahre Heimat auf Erden gegenüber dem die Sinne des Menschen übersteigenden All, „Dein Geist erträgt nur die irdischen Bilder des Überirdischen“ (Jean Paul) und um die Rechtfertigung der Kunst allein aus ihrer Schönheit heraus.

Wer Jean Paul und Wilhelm Raabe noch nicht auf seiner Liste der Lieblingsautoren stehen hat, wird es spätestens nach der Lektüre dieser Vorlesungen. Auch für mich war z.B. Raabe nur der Name einer düsteren, im wilhelminischen Stil erbauten Schule, in die niemand gehen wollte. Ganz abgesehen davon, dass Raben schwarze, düstere Vögel sind, womit wir wieder beim Thema wären…

Und eigentlich ist es das alles gar nicht, es ist nicht der Inhalt, der mich fasziniert, sondern das Wie, Wie macht sie das, die gute Kronauer, wie schreibt sie das, damit ich dranbleibe an diesem komplexen Thema, damit ich das verstehe, das eigentlich Unverständliche, und ich müsste nochmal von vorn anfangen mit meiner Rezension. Aber das tue ich nicht. Soll der Leser doch zusehen. Erstmal angefangen, hört er nicht mehr auf zu lesen, und sitzt in der Falle, wie das Kaninchen.

 

***

Natur und Poesie / Poesie und Natur von Brigitte Kronauer. Klett-Cotta 2015, eine Textsammlung in zwei Bänden

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