Die Grenzen des „Schöner Wohnen“

 

Schön zu wohnen ist heute relativ einfach geworden. Das vielseitige Angebot ist fürwahr kein Garant für die richtige Wahl beim Erwerben der passenden Einrichtungsgüter, aber die Produkte sind hinsichtlich Qualität gestiegen und steigen weiter, auch dann, wenn sie in China, Indien oder Rumänien hergestellt werden. So ist der Griff zu einem Einrichtungsgegenstand, der sowohl gut als auch stilvoll ist, und mit grosser Wahrscheinlichkeit von einem Produktdesigner konzipiert wurde, nicht unweit. Wenn gestern Senfglasqualität zur Platzierung von Teelichtern genügte, so darf es heute gerne bestens geschliffenes Baccarat-Kristallglas sein. Oder anders herum: Die Senfgläser haben in Formvollendung und Machart so weit aufgeholt, dass sie ausgewaschen auch als Whiskygläser durchgehen oder als edle Geschenke gute Dienste leisten. Die Menschen sind in den letzten Jahren sozusagen automatisch formbewusst geworden und können sich einem bestimmten ästhetischen Niveau kaum mehr entziehen. Ob Restaurants, Hotels, Einkaufstempel oder gar die renovierte dörfliche Poststelle, kaum ein Unternehmen will es sich heutzutage nehmen lassen, beim Ausbau oder einer Neueröffnung nebst dem Architekten, nicht auch einen Interior Designer, Lichtplaner oder sonstigen Raumausstatter bei der Ausführung hinzuzuziehen. Das Besteck wird präzis auf den Lüster abgestimmt und die Schuhe des Kellners müssen auf jeden Fall mit dem edel versiegelten Parkett harmonieren. Für Zufall ist wenig Raum, beziehungsweise wird immer wieder ein zufällig anmutender freier Raum von vornherein der Kunst zugedacht. Dies erweckt den Eindruck, dass die hier Verantwortlichen einen grossen Sinn für Kunst oder gar kulturelle Interessen hegen, in Wirklichkeit aber dient das vordergründige Kunst-/Kulturengagement sehr oft der Ästhetik selbst. In diesem Kontext erscheinen dann selbst provokative Kunstwerke glatt und massentauglich, was bei vielen Künstlern die Nackenhaare aufstellen lassen dürfte. Wenn sich die Kunst ungewollt in die Dekoration einbindet, ist dies genug tragisch, und die Tatsache wird dadurch verschlimmert, wenn Kunst auch beim Rezipienten in erster Linie als dekoratives Element und nicht als Kunstwerk wahrgenommen wird.

Folgende Frage ist dann naheliegend: Wenn ein perfekt gestalteter Innenraum mit Architektur, Beleuchtung und Möblierung 90% der ästhetischen Wahrnehmungsfläche ausmacht und dann die letzten 10% z.B. der Kunst zukommen, ist dies der Kunst, die ja im besten Fall für sich selbst 100% Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, überhaupt angemessen? Und wird dieses Verhältnis dem Individuum gerecht, das sich selber im Raum seinen eigenen Raum sucht? Und erst jenem Menschen, der obendrauf mit Kunst in Kommunikation treten möchte? Bestimmt kann sich der eine besser abgrenzen als der andere und sich jederzeit und an jedem Ort auf sein gewähltes Wesentliche konzentrieren, doch erschweren ihm möglicherweise Räume, die bis ins letzte Detail durchkonstruiert sind, eine grosse Menge an eigener Entfaltung, weil sie per se sehr dominant auf das Empfinden einwirken. Dabei ist hier der minimale Raum nicht a priori einer barocken Umgebung überlegen. Es geht um die Verhältnisse. Diese können schliesslich auch in einem fast leeren Raum unausgewogen und ein üppiges Ambiente derart proportioniert sein, dass Freiraum fehlt beziehungsweise gegeben ist.

Wer heute trendy sein will und sich keinen Faux-Pas in Sachen Einrichtung erlauben möchte, fährt nicht selten die minimalistische Schiene. Dabei begreift er sich oftmals selbst als Stil-Ikone, wenn er beispielsweise konsequent auf Markenprodukte zurückgreift. Der klassische Minimalist aber ist nicht selten jener, der das Minimale aus einem bestimmten Konglomerat an Dingen konzentriert und auf das Wesentliche seiner Auslese reduziert. Das Nicht-Vorhandene ist bei einem solchen, und für mich überzeugenden, Minimalisten spürbar, auch wenn man keine physischen Spuren davon entdecken kann. Ähnlich einer schnell gefertigten Skizze, die aber in ihren wenigen gekonnten Strichen, dem Kenner die darin verborgenen Jahre des Prozesses subtil durch das Werk durchscheinen lässt. Genauso ist es möglich, dass ein Purist bestens mit Eklektik umgehen kann und seinem Namen nicht dadurch gerecht wird, indem er steril oder einförmig residiert, sondern indem er es schafft, einer räumlichen Umgebung das Puristische als solches einzuverleiben und dieses dann alle möglichen Formen durchdringt. Dann erst nämlich ist Meisterschaft und Reife gegeben.

Wenn jemand sich nach einem Dogma oder einem Trend einrichtet, der wird es zum einen einfach haben, weil er sein Wohnen nach bestimmten Maximen reguliert und auf effiziente Weise Unnötiges oder Unpassendes von vornherein zur Seite legen kann. Zum anderen aber wird er es schwer haben, wenn das gewählte Interieur nicht seiner wirklichen Persönlichkeit entspricht, sondern einer Modeströmung oder gar jener Persönlichkeit, die er gerne wäre. Eine solche Behausung würde äusserlich perfekt erscheinen, würde aber nicht die wahre Seele des Bewohners widerspiegeln. Eine stete Kluft zwischen Wirklichkeit und Wunschvorstellung in den eigenen vier Wänden, verunmöglichten die Gewährleistung von etwas sehr Primären, nämlich dem Wohlbefinden des Menschen in diesem Raum und zwar auf der körperlichen, seelischen und sozialen Ebene. Jemand, der also permanent in Räumen wohnt, die nicht seiner wirklichen Person entsprechen, wird, übertrieben gesagt, über seinen eigenen Lebensraum nicht verfügen können. Ergo, er bleibt in diesem Kontext auch in seiner eigenen Entwicklung auf der Strecke. Freilich ist denkbar, dass eine klar strukturierte Umgebung mit der Zeit so auf den Bewohner einwirkt, dass sie vermag, ihn ein Stück weit zu prägen und zu verändern. Gänzlich wird das einer Umgebung jedoch kaum gelingen, und der Weg sollte bestenfalls doch umgekehrt sein, dass der Mensch nämlich den Raum gestaltet und nicht der Raum die aktive Beeinflussung für sich in Anspruch nimmt.

Optimales Wohnen bedeutet, regelmässig im Verhältnis des Raums zum Verhältnis des Lebens zu kommen. Wer im Wohnen seinen eigenen Platz finden kann, der hat bessere Voraussetzungen, aus dem Zuhause heraus den grossen Fragen, beispielsweise nach der richtigen Lebensform, nachzugehen. Wie richtig wohnen ist ein Teil der Suche nach der richtigen Lebensform. Ein aufrichtiger und somit perfekter Wohnraum, ein Raum also, der einem Menschen garantiert zusteht, kann gewisse Fragen sogar erst gar nicht aufkommen lassen. Unser eigener Wohnraum besteht aus der Prägung unseres bisher gelebten Lebens und erwidert unsere Wünsche, Sehnsüchte oder Erfahrungen. Wir umgeben uns darin von Dingen, die uns das Leben beschert hat, und wir teilen dieses Stück mit Menschen, die wir in diesen Lebensraum einlassen. Welches aber ist das richtige Gemisch aus harmonischer Kraftquelle und anregender Rückzugsoase? Die Antwort bleibt einmal mehr so subjektiv wie vielfältig.

Seit die Einkaufstaschen eines gewöhnlichen Supermarktes marketingtechnisch durchgestylt sind, die Bussitze nach ergonomisch-modischen Tendenzen akribisch modelliert wurden, und seit sich die Fernsehsender mit Hilfe von bastelwütigen Moderatoren mit Dekorateur-Erfahrung für die bundesweite Umgestaltung von Wohnstätten verantwortlich fühlen, ist es nicht verwunderlich, dass sich Begriffe wie Farbenlehre und Feng Shui ins kollektive Bewusstsein gespeichert haben. Von Verinnerlichung kann allerdings nicht die Rede sein, erst recht nicht vom guten Geschmack. Doch das neue bewusste Wohnen will den Bürgern tatsächlich suggerieren, dass „Schöner Wohnen“ heutzutage mit adretten Stilleben und ein paar Farbklecksen an den richtigen Stellen kinderleicht und für jedermann möglich ist. Mit geschickt gewählten Accessoires oder einem frischen Blumenstrauss, ist es aber nicht getan. Denn die eigene Wohnung darf auf keinen Fall primär eine schöne Bühne darstellen, auf welcher sich der Protagonist mit jedem Schritt darauf verloren fühlt, da er durch die fehlende Identifikation mit der Umgebung seine Kreativität und somit sein Menschsein verliert. „Schöner Wohnen“ kann so gesehen daher nur vermeintlich jeder.

Wer sich genau umsieht und die in ihm inne liegende Nachahmung aktiviert, hat nur dann gewonnen, wenn die Einrichtungsstücke auch seiner inneren Vorstellung entsprechen. Schön zu wohnen ist keine Frage des Budgets und natürlich eine Frage der Ästhetik, darunter auch der sozialen, zeitgeistlichen etc., aber „Schön Wohnen“ bleibt in jedem Fall eine authentische Angelegenheit. Darüber ist das Prädikat „schön“ nicht nur subjektive Geschmacks-, sondern immer auch Auslegungssache. Der Grund für den Erwerb eines Einrichtungsgegenstandes sollte immer aufrichtig sein, sodass die Möbel und andere Wohn-Elemente auch dann, beziehungsweise vor allem, wirken, wenn sich der Besitzer an ihnen im häuslichen Arrangement erfreut und mit ihnen in Beziehung tritt. Wenn er dies bei jedem Stück konsequent tut, angefangen von der Kochkelle, aufgehört beim Kleiderschrank, wird die Summe der Einzelteile als Ganzes insgesamt und in Bezug zum Bewohner immer richtig und mehr sein. Dieses Mehr ist möglicherweise die Voraussetzung für Ausstrahlung, Ambiente. Die Frage, ob die Sachen aufeinander abgestimmt sind und zusammenpassen, stellt sich dann nicht mehr. Weil sie passen werden, bei aller Unterschiedlichkeit. Dies zu erreichen bedarf eines langwierigen Prozesses, zugegeben. Doch während das eine oder andere Stück bereits an Patina gewinnt, kann sich das Neuerworbene umso frischer in die Kulisse einfügen.

Zu oft machen die Leute beim Einrichten den Fehler, dass sie zu ungeduldig vorgehen und mit gut gefülltem Portemonnaie ausgestattet an einem Wochenende das gesamte Wohnzimmer einkaufen, sich dann wundern, wenn alles, Marke und stattlichem Preis zum Trotz, nach billigem Papiermaché aussieht. Dann hilft auch ein echtes Gemälde des Künstlerfreundes über die Katalogeinrichtung nicht hinweg. Das ist insofern paradox, als die meisten Menschen eigentlich grundsätzlich mit Entscheidungen ringen. Doch gerade wenn beispielsweise Paare zusammenziehen, soll es ruck zuck kuschelig und mit sofortiger Wirkung gemütlich werden. A propos: Der weitverbreitete Glaube, dass Kissen, Stoffe im Allgemeinen, also Vorhänge, Teppiche, gerade solche mit groben Strukturen, für garantiertes Wohlbehagen sorgen, ist im Grunde zwar richtig, und nichts spricht gegen eine behagliche Hause, doch wenn die Stoffe dazu dienen eine ansonsten kahle Einrichtung zu kaschieren, wird man die gefragten gemütlichen Gemächer trotz Organza, Samt und lässig hingeworfenen Plaids auf Retro-Fauteuils, nicht ausmachen. Oder anders ausgedrückt: Es gibt durchaus aparte und einladende Interieurs, die souverän auch ohne Stoffgewebe auskommen und wohlige Wärme ausstrahlen. Nur aufrichtiges, typgerechtes Wohnen kann wirklich schön sein. Weil sich dieses Credo nach der Wahrheit richtet. Ähnlich jemanden, der zutiefst glücklich und ehrlich zufrieden ist und dadurch etwas Schönes auszustrahlen vermag, im Vergleich zu einem rein äusserlich schönen Menschen, der sich aber selbst nicht liebt und eine solche Ausstrahlung, trotz Schönheit vermissen lässt. Dieser moralisch anmutenden These sei noch hinzugefügt, dass Wohnen etwas Konstantes und Aktives ist. Eine Einrichtung ist somit nie richtig fertig, beziehungsweise besteht ihre Aufgabe mitunter auch darin, dass sich der Mensch in ihr soweit bewegen und entwickeln kann, dass sich auch die Umgebung nach und nach mitverändern kann und damit ein gewisses Mass an flexiblem Raum grundsätzlich besitzt.

Doch gerade das wahrhaftige, typgerechte, insbesondere das private Wohnen ist auch eine heikle Sache und grosse Herausforderung für Innenarchitekten, da die wenigsten ihre Kunden wirklich gut kennen dürften. Es ist zudem wie gesagt keine statische Aufgabe, die generell erfüllt werden kann, befindet sich doch der Mensch stets in einer Entwicklung, der Innenarchitekt mitgerechnet, und ist morgen nicht derselbe wie er gestern war. So ist ein guter Innenarchitekt dieser, der die wahre Persönlichkeit seines Kunden erfasst und zwar jene, die er wirklich ist und nicht die, die er gerne wäre oder sein Budget zulässt. Wohl öfters wird der Interior Designer aber auf jene projizierte Wunschperson treffen, der sich der Kunde durch entsprechende Einrichtung nähern möchte. Diesen Wunsch nicht zu erfüllen ist ein schwieriges Unterfangen, weil ein solcher Wunsch durchaus legitim ist. Denn die Wunschperson kann in der Tat Wirklichkeit werden, und die hierfür gewünschte Einrichtung unter Umständen als Brücke förderlich sein. Umso mehr sollte sich denn der Innenarchitekt davor hüten, eine ideale Gesamtlösung anzubieten ohne jeglichen Freiraum zur Entfaltung des Bewohners, sondern sollte sich ein guter Innenarchitekt dann auf Zusammenarbeit mit dem Kunden einrichten oder auf Vorschläge fokussieren und diese anbieten, damit der Kunde den Empfindungsraum erhält, in welchen er selbst aktiv werden und zur eigenen Lösung, Reflexion kommen kann. Auch gegen die Nichtausschöpfung des Budgets ist nichts einzuwenden. Ist der Innenarchitekt aber damit beschäftigt, die Sache perfekt machen zu wollen, wird er es genau dadurch verfehlen. Denn dadurch verfehlt er den Menschen, der ja selbst ebenfalls unperfekt ist. Diese Lücke zwischen Wirklichkeit und Konjunktiv oder Futur jedoch gilt es auszuloten, da sie spannungsbeladen und kreativitätsanregend ist. Daher sollte sie unbedingt als zusätzliches Potential ausgeschöpft und nicht als Hindernis betrachtet werden.

So wie Functional Food, Nahrungsergänzungsmittel, High Tech und andere scheinbare Annehmlichkeiten, die uns das Dasein erleichtern sollen und in unserem modernen Leben einen fixen Platz eingenommen haben, ohne dass wir uns hinterfragen, ob es gesund, notwendig ist oder ob es überhaupt schmeckt, so verkommt auch das stilbewusste, „schöne Wohnen“ immer mehr zu einem kollektiven Zwang und sieht dabei auf den ersten Blick leidlich aus, mehr aber nicht. Man braucht sich schlauerweise nur umzusehen und weiss rasch Bescheid, ob Chrom das neue Holz ist, welches No-Go den einstigen Inbegriff von Stil abgelöst hat, und die Argumentation reicht von der äussercn Beschaffenheit, über Technik bis hin zum Umweltbewusstsein. Die Must-Haves des modernen Grossstadtmenschen holt man sich auf Möbelmessen, zugänglich für jedermann, aus Wohnmagazinen oder künstlerisch anmutenden Photobänden, die in ihrer Bilderpracht Suchtgefahr bergen. Wer sich regelmässig solche Wohnbücher kauft, der kann dies seiner Leidenschaft zuschreiben, wenn die Werke nicht einem Studium oder als praktische Inspirationsquelle vor Ort dienen. So muss man in der Flut an schönen Produkten und gut abgestimmten Wohnungen genau hinsehen, um zu erkennen, ob sich hinter den Interieurs, die im Jahresabonnement einer Lifestyle-Zeitschrift eingekaufte Ideen verbergen, oder ob man durch die Einrichtung gekannte und neue Aspekte des Bewohners ausmachen kann. Der grossväterliche Sekretär oder ein betagter Holzschemel dürfen zur Beurteilung grundsätzlich nicht überbewertet werden, denn nicht selten sind das bewusst eingesetzte Alibis für die fehlende oder verfälschte Historie. Ob Stilmöbel, Designobjekte, echte oder replizierte Kunst, auf eigener Reise erworben oder second hand vom Flohmarkt, die Grenzen sind fliessend.

In der Internet vernetzten Zeit, wo die Märkte noch offener sind, ist es ferner möglich, innerhalb weniger Monate so systematisch und geschickt vorzugehen, dass man sich mit einer Auslese guter Gegenstände ohne mit der Wimper zu zucken auf selbe Stufe neben einen alten Sammler oder Antiquitäten-/Designmöbelhändler stellen darf, der für eine ähnliche Sammlung früher Jahrzehnte benötigt hatte. Zunehmend finden sich Neureiche, die shabby-schick bevorzugen und auf zerfetzten Louis XV Sofas Rémi Krug Champagner schlürfen und dadurch einen vermeintlich bescheideneren Eindruck hinterlassen, als mancher geborene Millionär, der in prunkvoller Geschmacklosigkeit nicht mehr überboten werden kann. Das ist alles schön und gut, würde Ersterer sich nicht auf Vintage-Märkten bewegen, die bislang den wahren Jägern und Sammlern vorbehalten waren und durch die Terrainbetretung Preise unnötig explodieren lassen. Durch diese Verschiebungen ist Differenzierung schwieriger geworden, und es ist nicht mehr klar erkennbar, welche Interieurs welchen Bewohnern zuzuschreiben sind. Man sieht es einer Buddha-Statue nicht an, ob sie zu zeremoniellen Zwecken benutzt wird. Und man sieht einem Raum nicht mehr an, zu welcher sozialen Schicht der Hausherr angehört. Ist der Golfschläger im Ecken Attitüde oder wahre Sportbegeisterung? Ist die La Chaise echt oder Kopie? Ist das balinesiche Tischchen made in India? Was ist Inszenierung, was Zufall? Es ist eigentlich unwichtig. Die Fragestellung ist vielmehr: was ist authentisch und zwar authentisch mit dem Besitzer verbunden? Wohnen bleibt, ob atemberaubend schön, konventionell, edel, farblich harmonisch, üppig oder schlicht, letztendlich immer persönlicher Ausdruck. Es ist für den einen Spielerei, für den anderen Glaube, ob er sich der „form follows function“ verschreibt oder die Doktrin „less is more“ verspottet. „Reduce to the max“ oder „more is more“. Sei’s drum.

Tatsache ist, es finden sich immer öfters immer bessere Gegenstände, noch schönere, noch ausgefallenere Möbel, selbst in sehr jungen Wohnungen, wieder. Sind die Sachen penibel aufeinander abgestimmt, so erscheinen sie erst beeindruckend, dann immer fader. Das gekonnte Kombinieren nämlich ist nicht nur Sache von der richtigen Gruppierung – Sammlungen beieinander, Materialien zusammen, Beachtung der Proportionen usw. – sondern ist unweigerlich geknüpft an den Menschen, der durch seine Person den einen Gegenstand zum anderen führt und über den dritten eine Geschichte erzählt. Etwas aufzustellen, weil es teuer ist, modisch oder weil man es halt einfach hat, ohne entsprechende und überzeugende Hintergrundgeschichte, ist dem Wohnbewussten zu Recht ein Greuel. Dass wir allesamt Individuen sind, ist nicht zu verleugnen. Dass wir uns aber so selten aus dieser Veranlagung heraus, nämlich auf unterschiedliche Weise, ausdrücken, ist umso erstaunlicher. Einfacher und richtiger scheint uns, nach gewissen von aussen gegebenen Regeln, schön zu wohnen und damit Ende der Geschichte. Das ist letztlich nicht nur Verschwendung, sondern geradezu Verleumdung des Individualismus. Ein Teil unseres Charismas können und müssen wir in unseren vier Wänden ausleben und unserer Vorstellung von der Schönheit, den materiellen Dingen, die uns das Leben auf dem Erfahrungsweg zuliefert, Form geben. Unsere Wohnungen und Häuser müssen widerspiegeln, was wir sind, um im zweiten Schritt darüber zu strahlen. Dabei will hier mitunter auch das schlichte, bescheidene gemeint sein. Die Wahrheit ist, dass die Einzigartigkeit einmalig ist und nicht einfältig. Umso prekärer die Tatsache, dass diese Umstände zu soviel Konventionalität führen. Schöne Gegenstände allein bewirken noch keine Schönheit, wenn sie nur gerade wahllos oder nett gruppiert nebeneinander stehen. Wer es versteht die Wirkung durch Platzierung, Beleuchtung etc. zu verstärken, macht das Wohnen möglicherweise schöner, bleibt aber auf der Strecke, da innerhalb bestimmter Grenzen.

Ich meinerseits bin von Zen-Interieurs tief beeindruckt und verstehe, sowohl auf der intellektuellen wie auch auf meiner emotionalen Ebene zutiefst, was Zen-Räume sind. Der Sammler in mir indes belehrt mich auf meinen Jagdtouren nach ästhetischen Dingen immer wieder eines Besseren: dass ich mich nämlich von gewissen Grundeigenschaften meines Wesens, egal woher geprägt, nicht loslösen kann. Die Ästhetik ist keine reine Frage der Form und des Aussehens. Das „Schön Wohnen“ kommt an seine Grenzen, wenn es zu einem Mixturgefüge der schönen Dinge wird. Den individuellen Touch vermag wörtlich nur das Individuum zu geben. „Schön Wohnen“ ist vielleicht die Frage des ersten Eindrucks. „Schöner Wohnen“ möglicherweise des zweiten. In erster Linie aber geht es primär um den Aus- als um den Eindruck. Und auch nicht um den Ehrgeiz Steigerungsformen schön schöner am schönsten gerecht zu werden. Die Grenzen des „Schöner Wohnen“ verlaufen an den äusseren Schönheitslinien. Das sich stetig bewegende, nicht perfekte Leben geht über die Grenze hinaus. Es gilt, beim Wohnen wie auch in anderen äusseren Ausdrucksweisen, den vom Individuum ausgehenden Schöngeist ins Visuelle zu übersetzen mit Hilfe von Dingen, Formen. Mustern, Strukturen, Grössen, Materialien usw. Selbst wenn der Geist des Schönen wörtlich nicht physisch sein kann, so ist zumindest denkbar, dass er punktuell zu Tage tritt, auch in der Gestalt von Musik, Duft, einem gewissen Klima, einem leeren Raum. Es ist wert zu versuchen das Unmögliche sichtbar zu machen, ihm eine Kontur, einen Umriss oder ein subtiles Zeichen zu geben. Konsequent, immer wieder. Dann hat die Ästhetik eine Säule, von der aus sie nachhaltig und wahrhaftig wirken kann und auf ihre Weise wieder auf uns, die Besucher, Betrachter, Bewohner zurückgeht und etwas bewirkt.

 

 

***

Der Faden im Kopf, Aufsätze und Reflexionen von Joanna Lisiak, 2018, mit Illustrationen von Barbara Balzan 236 Seiten, isbn 978-3-74816-716-7

Umschlag: «Unter freiem Himmel», 2018, von Mariola Lisiak

Weiterführend →

Holger Benkel schrieb einen Rezensionsessay über „Der Faden im Kopf„. Lesenswert ist gleichfalls das Porträt der Autorin und das Kollegengespräch zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak.

Lesen Sie auch KUNOs Hommage an die Gattung des Essays.

KUNO verlieh der Autorin für das Projekt Gedankenstriche den Twitteraturpreis 2016. Über die Literaturgattung Twitteratur finden Sie hier einen Essay.