Was die Fülle und Perfektion des Lebens ausmacht

28. Mai 2015
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Immer noch werden Bücher gedruckt und verkauft, die es nach den Gesetzen des Marktes eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. In Südamerika erlebt die Poesie gerade einen neuen Boom. In England erreichen die schmalen Lyrikbände einer jungen Dichtergeneration – Michael Hofmann, Lavinia Greenlaw, Glyn Maxwell – spielerisch zwei, drei, ja vier Auflagen. Es gibt genügend Anzeichen, dass wir gegen Ende dieses Jahrhunderts ein Renouveau der Poesie erleben werden. Die ‚poetische Beute‘ – so Walter Benjamin über Charles Baudelaire – wird groß sein.

Joachim Sartorius

Es kam mir erst wieder in den Sinn als ich innehielt

um zu erwägen auf welch kleine Weise ein Garten Wasser hält

ein angespanntes Innehalten im Türrahmen, wie der Traum,

der früh an jenem Morgen mit seinem prächtigen

Schweif gepeitscht hatte und dann verschwunden war.

Lavinia Greenlaw

Poesie erfordert originären Spracheinsatz, dieser ist nur im Gegenzug zur Gebrauchssprache zu erbringen. Lavinia Greenlaw entwickelt eine Poetik der Unmittelbarkeit, in der die Einzelheiten zu ihrem Recht kommen. Es geht darum, die Sinne zu schärfen für die Möglichkeiten eines empathischen und kreativen Miteinanders. Bei ihrer Lyrik geht es um das Wägen und Wiegen von Worten, Klängen und Bilderwelten. Der Leser setzt sich den Bilderreichen dieser Begegnungen aus.

„The Causal Perfect“ speist sich aus Schattierungen der Unschärfe in der Sprache; manchmal tauchten Worte aus undurchdringlichen Wäldern auf.

Lavinia Greenlaw

2011 erschien ihr Gedichtband „The Casual Perfect“. Der Titel zitiert eine Passage aus einem Gedicht, das der amerikanische Dichter Robert Lowell, über die Dichterin Elizabeth Bishop, verfaßt hat. Wie gelingt es, „aus einer Materie, deren Instabilität und weitgehende Unbekanntheit offenkundig ist, festgelegte, gleichsam fixierte Bilder zu schaffen, selbst wenn die Fixierung nur für einen Moment gelingt?“ – das ist die Frage, die hinter den Gedichten von Lavinia Greenlaw steht.

***

Empfehlenswert:
– Lavinia Greenlaw, „Nachtaufnahmen“, dt. von Gerhard Falkner und Nora Matocza, Köln 1998;
– Lavinia Greenlaw, „Minsk“, dt. von Raphael Urweider, Köln 2006;
– Lavinia Greenlaw, „The Casual Perfect“, London (Faber & Faber) 2011;
„Atlas der neuen Poesie“, herausgegeben von Joachim Sartorius, Reinbek 1995.

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