Ein Anti-Held der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft

29. Dezember 2014
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Das Buch Hiob 39,25 als Leitmotiv des Romans verweist nur vage auf den Schlamassel, in den der Ich-Erzähler unvermittelt geraten ist, obwohl zunächst nichts daraufhin deutet. Paul O’Rourke, Zahnarzt und Facharzt für Prothetik, mit einer prosperierenden Praxis in der Park Avenue in New York, hat es geschafft, und ist dennoch nicht glücklich mit seinem Leben. “Halten wir fest“, teilt er seinem Leser mit, „Weder Arbeit noch Freizeit, noch die totale Hingabe an eine höhere Sache (meine Arbeit, Golf, die Red Sox) konnten alles sein, auch wenn sie den Augenblick perfekt ausfüllen.“ Die tägliche Arbeit, das waren Zahnbehandlungen, bei denen die Zahnhygienikerin Mrs. Convoy wie auch Abby und Connie dem Chef assistierten. Ach ja, Connie, war seine ehemalige Ehefrau, die nach der Scheidung weiterhin in der Praxis arbeitete, weil sie als Dichterin kein Einkommen hatte. Und Golf spielen? Das war eine kurzweilige Beschäftigung, die ebenso schnell für Paul vorüber war wie seine Begeisterung für die Baseballer Red Sox, damals im Jahr 2011. Im Januar jenes Jahres passierte in der Praxis etwas sehr Merkwürdiges. Paul hatte einem Patienten einem verfaulenden Eckzahn behandelt, als dieser ihm beim Verlassen der Praxis versicherte, er sei ein Ulm so wie er auch. Und nur wenig später passierten ungewöhnliche Dinge im Leben von Paul O‘Rourke.

Eines Tages gratulierte ihm Connie, dass er nun endlich unter Dr. Paul C. O’Rourke, Zahnchirurg, gemeinsam mit den abgebildeten Mrs. Convoy, Abby und Connie auch eine Website habe. Was ihn, der sich stets als Chaot und Mensch, nicht aber als Internet-Marke mit Profil betrachtete, sehr empörte. Doch weder seine Reklamation bei Google noch andere Recherchen auf der Suche nach dem mysteriösen Doppelgänger, der für ihn immer neue Daten – sogar eine Bio – auf seiner Website platzierte und zu allem Überfluss noch geheimnisvolle Passagen aus der Bibel hinzu fügte, erwiesen sich als erfolgreich. Und selbst als O’Rourke der anonymen Person schreibt, sie bittet, mit diesem Unsinn aufzuhören, gelangt er nicht ans Ziel seiner Wünsche. Ganz im Gegenteil! Der Website-Imitator macht sich lustig über ihn, hänselt ihn mit Details aus seinem täglichen Alltag, so dass Paul sogar wegen der verblüffenden Details seine Assistentinnen aus der Praxis verdächtigt. In der Zwischenzeit verdichten sich auf der Website von O’Rourke die Vermutungen, dass Pauls Vorfahren dem Stamm der Amalekiter (vgl. Hiob 24,20) angehört hätten. Diese Amalekiter seien von den Israeliten ausgelöscht worden, nur die Urur-Ahnen der O‘Rourkes hätten überlebt. Pauls Verwirrung ist umso größer, weil er als Atheist nun mit jüdischen Vorfahren konfrontiert wird, von denen er keine Ahnung hat. Doch Aufklärung ist in Reichweite. Sein Rechtsanwalt, den er beauftragt hat, den lästigen whisleblower  aufzustöbern, ist fündig geworden. Einer seiner früheren Patienten, Al Frushtick, ist es. Doch ungeachtet seines Eingeständnisses, dass er O’Rourke-Website eingerichtet habe und ihm diese Mails schicke, erhält Paul weiterhin seltsame Mail-Botschaften. Sein Handy, das er verächtlich Ich-Maschine nennt, wird immer wieder mit Meldungen überflutet, wie z.B. er stamme von den Ulms ab, einem anderen biblischen Stamm. Paul lässt sich nun auf heftige Widerrede mit der ihm unbekannten Person (nicht Al Frushtick!) ein, die ihn unter seinem Namen immer wieder mit provokanten Aussagen herausfordert. Paul fühlt sich entmündigt und entschließt sich, seine Web-Adresse vom Netz zu nehmen. Ein Schritt, der weitere Komplikationen zur Folge hat und in eine völlig unerwartete Richtung führte …

Dem 1974 in Danville (Illinois, USA) geborenen Autor, mit bereits zwei international erfolgreichen Romanen „Ins Freie“ (2010) und „Wir waren unsterblich“ (2007) auch auf dem deutschen Buchmarkt vertreten, ist mit dem vorliegenden Roman in mehrfacher Hinsicht etwas gelungen, an dem es in der deutschsprachigen Literatur bislang mangelt. Mit der Figur des Paul O’Rourke und dessen vermeintlichen Doppelgänger, der ihm im Internet eine andere Identität vorgaukelt, entführt er seine Leser aus der New Yorker Welt eines Zahnarzt-Chirurgen in die mysteriöse Irrealität eines biblischen Stammes aus der Geschichte Israels. Der verführerische Reiz der schnoddrigen, dann und wann auch sexistisch aufgeladenen Alltagssprache des Protagonisten Paul, dessen zynischer Ausdrucksweise im Umgang mit seinem Beruf und Frauen, aber auch seine Hilflosigkeit bei der Handhabung der Internet-Schwindeleien machen aus ihm einen Anti-Helden der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft. Dass er infolge einer Internet-Gaukelei zu seinen jüdischen Wurzeln zurückfindet und damit seine hypernervöse, atheistische Großstadtexistenz aufgibt, verleiht ihm so viel Sympathie wie auch Rechtfertigung für seinen Entschluss, sein bislang fremdes Leben zu verändern.

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Mein fremdes Leben. Roman von Joshua Ferris. Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay. München (Luchterhand) 2014. 384 S., 19,99 €. ISBN 978-3-630-87450-0.

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